Km ۸۵۰۸_Isfahan


Heute ist der grosse Tag der Visaverlängerung. Wir werden früh morgens mit dem Taxi in das Visa Office Isfahan gefahren. Nach einer Leibesvisitation und dem Abgeben sämtlicher elektronischer Hilfsmittel landen wir im ersten Obergeschoss des Gebäudes. Von da geht es wieder herunter. In den Garten. Weitere Polizisten empfangen uns und nach einem kleineren hin und her gelangen wir an die zuständige Person. Der Herr macht den Eindruck, als wäre er vor knappen fünf Sekunden aufgewacht. Dementsprechend schleppend ist seine Interaktion mit uns. Gemäss seinen Angaben werden hier nur Visa verlängert, wenn das Vorgängige im Verlauf der nächsten zwei Tage ausläuft. Unseres ist noch eine knappe Woche gültig. Einer Verlängerung wird nicht zugestimmt. Wir sollen in ein paar Tagen in Shiraz aufkreuzen. *Fluech*.

Wir haben nun fünf Tage Zeit um die 500 Kilometer nach Shiraz ins nächste Visa Büro zurückzulegen. No Chance. Also vielleicht ein bisschen Chance, aber auf jeden Fall wäre das zu viel Hektik für unsere Reiseseele. Nach einiger Diskussion entscheiden wir uns dafür, die Woche hier in Isfahan zu verweilen und es in einigen Tagen nochmals beim selben Polizisten zu wagen. Denn wir sind ja zwei richtige Dickköpfe und ein Streckenabschnitt ohne Fahrrad kommt irgendwie überhaupt nicht in Frage. Will see.

Die Tage vergehen gemächlich. Wir besichtigen die Stadt, geniessen den Schatten der Brücken und bringen unsere Räder auf Vordermann. Das Warten macht uns kribbelig. Es soll endlich weiter gehen. Wir wollen vorwärts kommen. Erleben, was noch auf uns wartet. Mittlerweile wird auch der Iran vom Herbst heimgesucht. Und weil er ja schon mal da ist, nistet er sich auch etwas in unserer Stimmung ein. Wir sind genervt, unruhig und irgendwie halt auch unzufrieden mit der Situation, hier an diese Stadt gebunden zu sein. Cynthia erlebt es als einen Tiefpunkt der bisherigen Reise und auch Mike wäre gerne irgendwo anders.

Bei einem Spaziergang in das moderne Armenische Viertel haben wir eine zufällige Begegnung mit dem Irisch-Kanadischen Doppelbürger, der in Thailand lebt und den wir in Karaj getroffen haben. Er fuhr eine total andere Strecke als wir – und trotz allem laufen wir uns hier wieder über den Weg. Lustig so was.

Ein anderes Mal werden wir im Bazar angesprochen. Wo wir denn herzkommen und so, will der Mann wissen. Suisse. Ah. Oh. Und dann überrascht er uns mit seinem Wissen über den Morgenstraich und das Sächsilüüte.

Und einmal – als wir gemütlich unter einem Brückenbogen sitzen – spricht uns ein Iraner an. Der Herr ist bereits 69 Jahre alt und freut sich riesig darüber, mal wieder in Englisch zu sprechen. Er hat nämlich ein paar Jahre in London gelebt. Und auch in Paris und Hamburg war er schon. Aber London und vor allem die Oxford Street haben für immer einen Platz in seinem Herzen gefunden. Der Plausch ist sehr unterhaltsam. Der Herr erzählt von der Ausbildung seiner Töchter, von seinem eigenen Lebensweg und von den Sitten und Gebräuchen im Iran, die er irgendwie nicht so prickelnd findet. Als wir ihm erzählen, dass Mike vor wenigen Minuten gerade von einem Iraner einen derben Wortschwall auf Persisch abbekommen hat, weil Cynthia raucht, schüttelt er nur den Kopf. Er ist für die Gleichberechtigung und ärgert sich, dass seine Landsfrauen weder Fahrradfahren noch in der Öffentlichkeit Rauchen dürfen. Einen ganzen Schrank voll Winston würde er seiner Frau schenken, - so schwärmt er uns vor - wenn sie doch nur rauchen würde. Der Plausch ist lustig und doch mit einer leichten Melancholie untermalt. Während dem Gespräch werden wir von mehreren iranischen Männern beobachtet. Sie stehen hinter Brückenpfeilern oder sitzen in Hörweite. Unser herzlicher neuer Freund vertreibt sie andauernd und erklärt uns, dass die Männer neidisch seien, weil er unsere Sprache spricht, und sie eben nicht.

Im Hostel hat es nun bereits sieben andere Radfahrer. Die Stimmung hier ist nicht so familiär wie in Teheran und so kommen wir miteinander nicht so richtig ins Gespräch. Die meisten nutzen zudem ihr Fahrrad als Rollkoffer und befördern es von Bus zu Zug zu Bus. Sind somit eher auf vier als auf zwei Räder unterwegs.

Ein Fahrrad weckt aber unser Interesse. Es ist ein MTB Papalagi. Und als klarer Beweis, dass es sich um einen Schweizer Besitzer halten muss, hat es – wie auch die unseren - noch einen Getränkehalter der Stiftung Brändi umgeschnallt. Wir sind neugierig und hinterlassen eine Notiz. Peter kommt unserem Aufruf nach und klopft an der Tür. Er ist wie erwartet aus der Schweiz und macht gerade Radurlaub im Iran. Ein paar nette Gespräche und ein Abendessen später fährt er dann aber auch wieder weiter. Für ihn geht es in den Norden.

Je näher der Tag der Hoffentlich-Visaverlängerung rückt, desto unruhiger und aufgeregter sind wir. Alle Varianten des Worstcase hüpfen durch unsere Hirnströme. Es kann nämlich gut sein, dass A) die Visumverlängerung einige Tage in Anspruch nimmt und wir vor Langeweile in Ohnmacht fallen, oder B) dass wir nur fünf Tage bekommen und wir somit so schnell wie möglich nach Bandar Abbas müssen und so - gopf das kommt einfach nicht in Frage, den Zug zu nehmen - oder dass C) die Visaverlängerung überhaupt nicht klappt – nooooo, please not - und wir innert 24 Stunden das Land verlassen müssen. Es bleibt also spannend.

Tag X ist da. By the way, Pédaleurs Reisetag 200. Mike ist schon vor der Sonne wach und auch Cynthia steht im Bett, sobald der Wecker klingelt. Bevor es losgeht, brauchen wir die aktuelle Übernachtungsbestätigung des Hostels. Also Sprint an die Rezeption und Manager suchen. Manager ist nicht da. Er kommt in einer viertel Stunde. Ok. Dann essen wir halt etwas zu Frühstück. Nach fünfzehn Minuten sprinten wir wieder an die Rezeption. Manager immer noch nicht da. Er kommt in einer viertel Stunde. What? Mittlerweilen ist es acht Uhr und das Visa Büro öffnet seine Türen. Uns bleibt nichts, als vor der Rezeption Wurzeln zu schlagen. Warten, warten, warten. Nach weiteren fünfzehn Minuten – wir brauchen wohl nicht zu erwähnen, dass es uns vorkam wir drei Stunden – kommt der hauseigene Taxifahrer daher. Heute ist der Tag der Spitznamen und so taufen wir ihn schlichtweg Driver. Driver erledigt für uns die Formalitäten und fährt uns schnurstracks zur Polizei. Er bietet uns an, vor den Toren auf uns zu warten, für den Fall, dass die Verlängerung nicht klappt und wir wieder zurück ins Hostel müssen.

Wie schon letzte Woche, müssen wir Handy, Kamera und allerlei Klimbim an der Theke abgeben. Heute sind viel mehr Menschen vor Ort. Es wimmelt von Afghanen und Irakern, welche ihren Aufenthalt verlängern wollen. Wir schlängeln uns also vorbei und gehen zur Leibesvisitation über. Während bei Cynthia eine Dame handanlegt, wird Mike von ein paar Polizisten mit Maschinenpistolen abgetastet. Alles in Ordnung. Wir dürfen rein.

Wer sich die Vielleserei der folgenden Zeilen ersparen möchte, kann sich hier die ziemlich zutreffende Schilderung per Video verinnerlichen.

Zuerst wird an dem kleinen Fenster im Garten angestanden. Mit der Beschreibung des Anstehens könnten wir hier schon eine ganze Seite füllen. Hier die Kurzform: Anstehen ist in Asien etwas sehr unbekanntes. Es wird gedrängelt, geschubst und es gilt die Regel, dass nicht der erste als erstes dran kommt, sondern derjenige, dessen Anliegen am meisten Priorität hat. Seiner Meinung nach. Nun sind es natürlich nur die wenigsten, die hier so aus Langeweile anstehen und deren Anliegen ihnen selber so gar nicht wichtig erscheint. Alle andern schubsen was das Zeugs hält. Die Schlage ist sehr kurz, dafür umso breiter und gleicht ein Bisschen einer Weintraube. Irgendwann haben wir dann – Mike auf der linken Seite mit dem Ellenbogen und Cynthia auf der rechten Seite mit dem Knie – das Drängeln von den Seiten gestoppt. Wir sind dran. Vor uns steht Schlafmütze vom letzten Mal. Oh no. Er schaut unsere Visa an und meint, die Verlängerung daure an die drei Tage. Gopf. Wir bekommen darauf hin gegen eine kleine Entschädigung die Application Form mit dem Auftrag diesen auszufüllen und mit einer Einzahlungsbestätigung der Bank, zwei Passfotos und der Passkopien zurück zu kommen.

Das meiste hatten wir natürlich schon vorbereitet und so fehlt uns nur noch die Einzahlungsbestätigung der Bank. Es gibt im Umkreis der Polizei dutzende Banken, aber nein, es muss ja eine ganz bestimmte sein. Driver wartet wie versprochen draussen auf uns und anstelle ins Hostel fährt er uns in die Bank, welche ungefähr fünf Fahrminuten entfernt ist. Die Einzahlung geht schnell von statten und wir bekommen die Bestätigung sofort ausgehändigt. Hier ist man sich das Vorgehen bestimmt schon gewohnt. Driver fährt uns zurück und lädt uns vor der Polizei wieder aus. Nach Taschenkontrolle, Leibesvisitation und prüfendem Blick dürfen wir wieder passieren. In einer Ecke verkrochen, füllen wir das Antragsformular in doppelter Ausführung aus. So. Das hätten wir.

Mit allen Dokumenten bewaffnet stellen wir uns erneut in die Weintraube. Als wir dann endlich den Kampf gewonnen haben und an die Reihe kommen, ist Schlafmütze nicht mehr da. Er wurde in den letzten acht Minuten fünfmal ausgewechselt und jetzt hat Mr. Kompetent das Sagen. Uns wird verkündet, dass wir uns im ersten Stock, Schalter 12 melden sollen. Ok. Der Schalter ist eigentlich ein Büro und wird von einer anderen Weintraube – ein paar der Früchtchen kennen wir von vorhin – belagert. Als dann der Mann mit den Vier Sternen auf der Uniform die Tür öffnet, geht es ziemlich schnell. Nach wenigen Minuten dürfen wir Vierstern unser Anliegen vortragen. Kurzum: wir dürfen unseren Packen Kopien auf seinen Schreibtisch wälzen. Vierstern fragt uns, ob wir mit dem Fahrrad unterwegs sind. Komisch. Eigentlich wollten wir das verheimlichen, denn gemäss andern Reiseblogs ist es nicht so optimal, wenn man erwähnt, dass man auf dem Drahtesel durch die Islamische Republik tingelt. Aber naja, lügen soll man ja nicht und so nicken wir beide eifrig mit dem Kopf. Ganz schnell geht es nun und schon verkündet Vierstern, dass Cynthia 30 Tage und Mike 29 Tage Visaverlängerung bekommt. Haha. Vierstern ist ja ein richtiger Scherzkeks. Wir sind froh, dürfen wir auf eine grosszügige Verlängerung hoffen. Wir werden wieder ins Erdgeschoss zum Traubenfenster geschickt. Mr. Kompetent strahlt uns an. Hier ein Stempel, da eine Heftklammer und dann die alles verändernde Frage: Wollt ihr die Verlängerung noch heute? „Yes please“ ist alles, was wir unter Wimpergeklimper raus bringen. Yeah. Unglaublich. Kaum ist Schlafmütze weg, scheint die Sache zu flutschen.

Wir werden an den Schalter Nummer 19 geschickt. Hier nimmt eine Hand unsere Dokumente durch das Fenster, stempelt ein paarmal hier und dort und dann reicht uns die Hand die Dokumente wieder raus. Wir sollen uns bei Schalter 14 melden. Hin und her führt uns die Tour durch das Visaverlängerungslabyrinth. Bei Schalter 14 stehen wir nochmals ewig an. Bis dann Bügelfalte daher kommt. Bügelfalte nimmt uns aus der Reihe, bittet um unsere Pässe und schickt uns in den Wartesaal. Einige Minuten vergehen. Noch ein paar. Wir beobachten Bügelfalte, wie er unsere Dokumente von einem Schreibtisch zum andern verfolgt. Dann kommt Ziellos daher. Ziellos schnappt sich unsere Pässe und trippelt los in die Richtung aus der die wichtigsten Stempel vergeben werden. Schalter 11. Ziellos schafft es aber nicht ganz bis zu Schalter 11, da dreht er um. Wir atmen tief ein. Ziellos schlendert zu Schalter 14 zurück und schnappt sich einen dritten Pass. Wieder watschelt er los. Kurz vor dem Ziel wird Ziellos zurückgepfiffen. Die Spannung ist greifbar. Ziellos verheddert sich in einen Plausch und hält dabei unsere Pässe fest in der Hand. Dann endlich. Ziellos schlendert wieder los. Fest in der Absicht, unseren Pässen die richtigen Stempel aufzudrücken. Aber – was ist das? Er dreht erneut um. Heitere Fahne. Kurz vor Schalter 14 fasst er an seine Brusttasche und scheint zufrieden, dass auch der dritte Pass noch an seinem Ort ist. Endlich schafft es Ziellos doch noch in den Schalter 11. Applaus.

Schon wenige Augenblicke danach ruft uns Bügelfalte zu sich. Er schüttelt Mike die Hand, bittet uns um ein paar Unterschriften und gratuliert uns beiden zur Visaverlängerung um 30 Tage. Mit einem herzlichen „Welcome to Iran“ verabschiedet er sich von uns.

Eine riesige Last fällt uns von den Schultern. Endlich geht es weiter, endlich können wir fahren. Wir freuen uns sehr und die Stimmung der Pédaleurs steigt. Nach einer kleinen Erdnüsschen-Schokokuchenparty im Park spazieren wir die fünf Kilometer zurück ins Hostel. Wir freuen uns auf morgen!

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