Km ۹۰۲۲ - Km ۹۱۰۷_Shiraz - Akbarabad


Nach dem Ausschlafen und einem ausgiebigen Frühstück ist der Hotelwechsel angesagt. Heute ist der grosse Tag, an dem das Ashura Fest gefeiert wird. Am Ashura Fest - am zehnten Tag des Trauermonats Muharram - wird Imam Husain Ali gedacht. Der Enkel des Propheten Mohammed unterlag im Machtkampf um die Führerschaft der Muslime dem Kalifen Yazid I und starb 680 als Märtyrer in der Schlacht von Kerbala. Dieses Ereignis besiegelte die Trennung von Sunniten und Schiiten. Symbolisch steht es für den Kampf zwischen Gut und Böse.

Bei den Schiiten, für die das Märtyrertum eine zentrale Rolle spielt, wird am Ashura Fest zum Abschluss der zehntägigen Buss- und Trauerrituale das Martyrium von Husain kultisch nachgestellt. Im Mittelpunkt stehen zum einen das Klagen, das Weinen und die Selbstgeisselung der Gläubigen. Das Leid soll die eigene Trauer um das Leiden der gefallenen Imame in ein aktives Mitleiden verwandeln und die Bereitschaft zum Martyrium symbolisieren. Charakteristisch für die Muharram-Passionsfeiern sind lange Züge von Gläubigen, die sich immer wieder selbst mit der Hand vor die Brust oder mit Ketten auf den Rücken schlagen.

Und eben heute ist es so weit. Direkt vor unserem Hotel hat sich schon eine grosse Männermenge versammelt. Gemäss den Behörden sollen Touristen am heutigen Tag einen Bogen um die Geschehnisse machen, da es in der Vergangenheit immer wieder zu Unruhen kam. Dies wissen die Pédaleurs. Aber sie müssen ja trotzdem in das Hostel umsiedeln. Also Köpfe einziehen und möglichst unauffällig – gar nicht so einfach, als einzig farbig gekleidete mit Fahrrad und Gepäck – an den Massen vorbei ziehen. Unglaublich aber wahr – unser Hostel befindet sich mitten im Trubel. Oh no. Wir müssen uns an der gesamten Parade vorbeischlängeln und unsere Räder durch die Absperrung an den Zuschauern vorbei durch die riesige selbstgeisselnde Menschenmenge schieben. Wir sind hier nicht wirklich erwünscht. Schon klar. So ruhig wie möglich pressen wir unsere Räder an den Menschen vorbei. Die Musik, die Ketten, die Blicke, die schwarze Kleidung und die Polizei lassen uns etwas unwohl fühlen. Aber beeindruckend war es also schon. Nach über einer Stunde haben wir die drei Kilometer geschafft. Phuu.

Das Hostel ist sehr schön gelegen und hat einen grossräumigen Innenhof. Wir nehmen uns zwei Betten in einem Dorm. Zu unserem Glück sind diese Betten in einem eigenen Raum. Nur das Badezimmer müssen wir teilen. Perfekt. Wir ziehen uns zurück und versuchen zu entspannen. Noch immer sind wir etwas angespannt. Von Gestern. Und eigentlich von allem. Das Land schafft uns.

Gegen Abend versuchen wir noch mit der Familie zu telefonieren. Schliesslich werden in der Schweiz gerade ein paar erfreuliche Ereignisse gefeiert. Das Internet streikt. Kein Geplauder möglich heute. Schade. Aber Fotos werden getauscht. Juhuii.

Nach einem feinen Abendessen im Hostel – wir geniessen wieder einmal Dize, das ist das Gericht wo man zuerst die Suppe isst und dann den Rest zu Brei stampft – verkriechen wir uns wieder aufs Zimmer.

Am nächsten Morgen ziehen wir schon früh los. Wir haben nämlich hier in Shiraz noch etwas zu erledigen. Die Agentur, welche für uns die Visa organisiert hat, muss ja auch bezahlt werden. Dies geht nur Face to Face. Also spazieren wir los durch die Stadt und suchen das Büro auf. Übergeben 70 USD, watscheln zurück und kaufen uns auf dem Weg noch ein paar Knabbereien. Auch diesen Tag werden wir vorwiegend im Hostel verbringen. Und dann, ja dann geht es zum Endspurt. Bandar Abbas, wir kommen….

Am Abend geniesst Cynthia auf der Dachterrasse des Hostels einen ihrer schönsten Momente in diesem Land. Bei einem Milchkaffee beobachtet sie bei Sonnenuntergang und Azan das Training der Brieftauben. Zusammen geniessen wir anschliessend noch ein letztes Mal ein Dize und tanken dabei neue Kraft für die kommenden Tage.

Wir packen alles zusammen und schleppen es die viel zu steile und unregelmässige Treppe runter. Nach dem Beladen der Räder geht es zum Frühstück. Zufällig treffen wir ein Schweizer Pärchen. Sie bieten uns an, ein paar Sachen nach Hause zu nehmen. Was für ein tolles Angebot – genau was wir brauchen. Aber irgendwie sind wir so spontan nicht ready um ein paar Artikel zu bestimmen und so müssen wir ausschlagen. Gefreut hat es uns trotzdem. Nachdem wir im Hostel noch den halben Kühlschrankbestand Wasser und Cola aufgekauft und verstaut haben, treten wir in die Pedale, immer entlang der Strasse Nummer 67. Und schon sehen wir die ersten Dromedare. Es sind auch die letzten, aber das wissen wir ja noch nicht.

Die erste Pause verbringen wir vor einem Laden. Ein anderer Kunde hat uns auf Schokoriegel, Nussstange und Cola eingeladen. Juhuii. Die Fahrt verläuft relativ ruhig und einfach. Etwas runter, etwas hoch. Aber schön gemächlich. Gegen Mittag hält wieder einmal ein Auto neben uns. Gazal und Ali steigen aus. Sie laden uns ein, bei ihnen in Akbarabad zu Mittag zu essen. Wir zögern nicht lange, denn die beiden sind sehr herzlich und da wir bereits an die sechzig Kilometer zurückgelegt haben, gönnen wir uns die Auszeit.

Gazal und Ali fahren vor und wir folgen ihnen zügig entlang der Autostrasse. Aus den angesagten zwei werden über sieben Kilometer. Aber das ist hier normal. Akbarabad ist die einzige Stadt im Iran die wir Asphaltlos angetroffen haben. Es staubt und holpert auf der Strasse. Im Zickzack schlängelt sich das Auto durch die Hintergässlein des Ortes und kommt vor einem modernen Haus zum Stehen. Wie die meisten Grundstücke hier, hat auch dieses hinter seinen Mauern einen grossen Hof, gefolgt vom Haus an sich. Im Hof hat es eine Toilette, Hühner, Orangenbäume und Kräuter. Aus dem Haus kommt bereits die Mama der beiden Geschwister und begrüsst uns herzlich. Wir dürfen eintreten und werden mit einem feinen Drink erfrischt. Das Englisch der drei ist sehr wackelig und so unterhalten wir uns vor allem mit Gesten und schauen gemeinsam Fern. Bald schon kommen kleine und mittlere Schwester, Papa und Schwager nach Hause. Jetzt gibt’s Mittagessen. Mama tischt gewaltig auf. Es gibt feine Hacktätschli, Tomatenreis, Champignons, Brot, selbst gemachten Joghurt und vieles mehr. Es schmeckt grossartig und uns platzt fast der Bauch.

Nun kommt Gazals Ehemann - sie haben vor zehn Tagen geheiratet – zu Besuch. Er bringt gleich noch die Hochzeitsbilder vorbei. Also nicht so wie bei uns ein Buch oder so. Nein, da kommt eine riesige Leinwand – 1.5 mal 2 Meter - in den Raum, darauf abgebildet die wunderschöne Gazal in Grossaufnahme.

Nach dem Mittagessen will uns Gazal ihr neues Zuhause zeigen. Schliesslich wohnt sie seit der Hochzeit nicht mehr im Elternhaus, sondern bei der Familie ihres Mannes. Und so zwängen wir uns zu siebt in das kleine Auto und fahren einmal durch die Stadt. Hier warten schon Schwiegermama, Schwiegerpapa und einige Familienangehörige auf den Besuch. Gazals Ehereich ist das Kinderzimmer ihres Mannes. Auf 12 Quadratmeter hat sie sich so gut es geht häuslich eingerichtet. Richtig kuschelig. Auch hier sind unglaublich viele Bilder der Hochzeit zu sehen. Sogar ein Raumtrenner voller Fotos gibt es hier. Jedenfalls setzt sich nun die ganze Mannschaft auf den Teppich vor dem Ehebett. Der Raum ist rappelvoll. Es gibt Nüsse, Früchte und Süssigkeiten zum Dessert.

Nach einiger Zeit fahren wir wieder zurück und holen unsere Fahrräder ab. Einige Familienfotos später verstauen wir noch die Vaseline – unsere Lippen sind noch immer spröde und Mama schenkt uns eine ganze Dose der Salbe -, frische Orangen und eine Miniaubergine ein. Nach dem herzlichen Abschied geht es gemächlich weiter. Trotz der vollgestopften Bäuche ist die Weiterfahrt sehr leicht. Der Tag ist voran geschritten und bei Kilometer Achtzig finden wir einen angenehmen Schlafplatz direkt hinter einer Baustelle. Wir schlafen sehr gut.

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