Km 7417 - Km ۷۵۳۶_Lenkoran - Hashtpar


Das Hotel in Lenkoran verlassen wir nach einem einfachen Frühstück gestärkt und voller Ungewissheit. Der Grenzübergang nach Iran liegt uns etwas auf dem Magen. So viele Geschichten haben wir bereits vernommen... ohjehohje, uns schwirrt der Kopf. Und so kreisen unsere Gedanken während der letzten vierzig Kilometer in Azerbaijan vor allem um den ominösen Grenzübertritt. Die Strasse ist heute überraschend hügelig und holprig, so dass wir nur sehr langsam vorankommen. Junge Männer bieten gehäutete Fledermäuse zum Verkauf und an den Strassen werden wieder einmal ein paar Schafe geschlachtet. Das Verhalten der Schafe in der Warteschleife überrascht uns. Wenn ein Tier tot auf dem Boden liegt, so versammeln sich alle anderen Herdenmitglieder um den Kadaver und scheinen zu trauern. Die Schafe knien sich hin und es ist mucksmäuschenstill. Obwohl die Tiere weder eingesperrt noch bewacht werden, bleiben sie vor Ort und lassen das Schicksal seinen Lauf nehmen. Um 13:00 Uhr trudeln wir in Astara ein. Offenbar haben wir die Strasse, die über die Grenze führt verlassen. So steuern wir durch Nebenstrassen auf den Grenzübergang zu. Die Grenzbeamten haben Pause. Aha. Wir nutzen die Gelegenheit, um die korrekte Anfahrt in den Iran zu nehmen. Schon nach wenigen Metern werden wir wieder gestoppt. Ein Taxifahrer informiert uns, dass Mittagspause ist. Das ganze Dorf weiss also wieder einmal mehr, dass die Pédaleurs da sind und dass sie über die Grenze wollen. Auch lustig ist, dass scheinbar alle Bewohner wissen, wann die Grenzwärter zu Mittag essen. Wir nutzen die Stunde und trinken eine Kanne Cay. Es ist nun vierzehn Uhr und wir starten einen neuen Versuch. Diesmal fahren wir - ganz korrekt auf der offiziellen Strasse - direkt auf das Grenztor zu. Obwohl in ganz Azerbaijan Fahnen, Statuen und Präsidentenportraits zu sehen sind, findet man hier am Grenzposten nicht einmal den Hinweis, welches Land man denn da genau verlässt, und was auf der anderen Seite so wartet. Das Tor ist jedenfalls zu. Wir warten - zusammen mit ein paar LKW-Fahrern – eine weitere halbe Stunde. Sesam öffne dich. Das Tor ist geht auf. Wir zeigen dem Beamten unsere Pässe. Ja verheiratet, nein keine Kinder. Wir dürfen passieren. Als nächstes werden in ein Büro geführt und auf Deutsch angesprochen. Der Grenzbeamte freut sich, dass er wieder einmal die Sprache üben darf, und so haben wir einen ungezwungenen Plausch. Im selben Raum ist noch ein Iranisches Paar. Der Herr spricht uns in fliessendem Deutsch an. Interlaken, da war er schon zweimal. Und die Schweiz - die liebt er. In dem Büro werden noch Fotos gemacht, die Visa nochmal geprüft und alle Daten des Passes eingelesen. Nochmal kurz durch den Scanner und schwupp, die Pédaleurs sind aus Azerbaijan entlassen. Drei wütende Hunde warten in ihren Zwingern auf unerlaubte Grenzübertritte. Hui da sind wir aber froh, dass in unseren roten Büchlein alles in Ordnung war. Es geht über eine Brücke im Niemandsland und schon stehen wir vor der Iranischen Kontrolle. Wir werden sehr, sehr herzlich empfangen. Ein junger Polizist erzählt uns eifrig von seiner Heimatstadt, die wir unbedingt besuchen müssen. Direkt nach den detaillierten Sightseeing Angaben dürfen wir zum Zöllner. Ab jetzt ist Cynthia nicht mehr wichtig - der Mann, der zählt. Die Pässe werden jeweils Mike in die Hand gedrückt, kontrolliert werden seine Angaben, die Fragen zur Route muss er beantworten. Da die Fahrräder nun doch nicht durch die Autogrenze dürfen, werden wir an den Personenübergang geleitet. Immer voran zieht ein junger Herr, der den Weg für uns frei macht. Wir müssen in keiner Schlange anstehen - immer haben die Pédaleurs den Vortritt. Nach zwei weiteren Kontrollen heisst es um halb vier: "Welcome to Iran, welcome in our country". Wir freuen uns und sind froh, dass der Grenzübergang so einfach von statten ging. Neues Land - Neue Begegnungen.

In Iran angekommen, werden wir direkt von ein paar Exchange Jungs entführt. Die ersten Dollar gehen über den Tisch und wir sind auf einen Schlag reich. Also fast. Für einhundert Dollar bekommt man normalerweise sage und schreibe 3,7 Millionen Rial. Wahnsinn. Sooo viel Papier. Obwohl sie uns so richtig über den Tisch ziehen, platzt unser Portemonnaie beinahe. Mit dem Umrechnen kommen wir aber noch nicht so hinterher. Und so kippen wir fast aus den Latschen, als für unser Mittagessen an der nächsten Lamm- und Pouletspiessbude sage und schreibe 400´000 Rial verlangt werden, da erschrickt man sich doch ein bisschen. Der Kulturshock im Iran bleibt jedoch aus. Vieles erinnert an Azerbaijan und auch an die Türkei. Der Verkehr ist aber wider Erwarten weniger stark. Die Menschen sind unvergleichbar herzlich. Es wird gehupt, gefragt und fotografiert. Menschen schenken uns Nüsse oder winken uns zu. Die Schweiz ist herzlich willkommen in diesem Land. Nach einigen Kilometern gönnen wir uns eine Pause und studieren die weitere Route. Ein Auto fährt rechts ran, ein Mann und eine Frau steigen aus. Das nette deutschsprachige Paar von der Grenzkontrolle heisst uns herzlich willkommen. Wie klein die Welt doch ist. Der Mann gibt uns die ersten wichtigen Informationen über die örtlichen Gegebenheiten und die Frau beschenkt uns mit Süssigkeiten. Vielen Dank. Der Tag war sehr aufregend und wir machen uns auf die Suche nach einem Schlafplatz. Die Hotels in Astara wollten wir nicht beziehen. Aber gemäss unseren Angaben, wird die nächsten Kilometer kein Hotel folgen. Wir sind müde. Direkt in dem Moment sprechen uns zwei Männer aus ihrem Wagen heraus an. Wir fragen um eine Übernachtungsmöglichkeit und sie bieten uns an, ihrem Auto zu folgen. Nach zwei Kilometer sind wir in der nächsten Ortschaft angelangt. Die Männer steigen aus, rufen einen dritten Mann und die Telefoniererei beginnt. Wir sollen warten, die Jungs kommen gleich wieder. Während der fünf Minuten Wartezeit sammelt sich eine Männertraube von ungefähr fünfzehn Menschen um uns. Alle wollen sie uns kennenlernen. Unsere Jungs kehren zurück. Im Schlepptau zwei Englischlehrer, nennen wir sie John und Jack. John ist der örtliche und scheinbar auch stadtbekannte Couchsurfing Host. Er lädt uns ein, bei ihm zu übernachten. Das Angebot nehmen wir sehr gerne an. Der Menschentrubel, der sich mittlerweile nochmal vergrössert hat, zieht seine Aufmerksamkeit auf sich. Die Sittenpolizei ist im Anmarsch und fordert die Pédaleurs barsch auf, den Ort zu verlassen. Nachdem Jack in Farsi erklärt, dass wir Gäste von John sind, scheint die Welt wieder in Ordnung. Für uns war die Begegnung mit den Polizisten jedoch sehr aufregend und irritierend. Umso mehr, weil John, sobald die Polizei auftauchte, wie von der Tarantel gestochen wegrannte. Als sich die Lage beruhigt hat, dürfen wir zu John gehen. In seinem Zimmer - direkt neben der Englischschule - werden wir einquartiert. Es gibt Sonnenblumenkerne und interessante Gespräche. Vorhänge werden zugezogen, Kopftücher abgelegt und Zigaretten angezündet. Das unbeaufsichtigte, iranische Leben.

Obwohl die Pédaleurs sehr müde sind, lassen sie sich noch zu einem Stadtbummel überreden. Jack muss sich leider verabschieden und bedauert es, dass er sich nicht länger um die Gäste seines Freundes kümmern kann. Auf dem Weg zum Strand begegnen wir Johns Tante. Heute findet eine Hochzeit statt, und es wäre fantastisch, wenn die Gäste aus der Schweiz auch dabei sein könnten. Oha. Wir kommen gerne. Aber eben. Zuerst geht es zum Strand. Kaum sind wir zwei Meter gelaufen, hält ein Auto an. Wir sollen einsteigen. Das Auto fährt uns zum Strand. Wer die Fahrer waren, wo die dann hingingen und warum die uns und John mitgenommen haben, ist uns schleierhaft.

Am Strand hat es Essensstände, Teehütten, Restaurants und viele Menschen. John zeigt uns seine Freunde, erzählt von den Gegebenheiten und beantwortet uns viele Fragen. Wir werden zum Tee eingeladen. Spät abends geht es dann über dunkle Feldwege zur Hochzeit. Wir werden herzlich empfangen. Ungefähr dreihundert Menschen sind am Tanzen und Feiern. Wir beobachten die Szenerie und sind begeistert, dabei zu sein. Irgendwann kommt John zu uns und sagt, wir müssen ins andere Gebäude gehen. Dies sei die falsche Hochzeit, es gäbe zwei. Aha. Hinter der nächsten Mauer findet tatsächlich eine andere Hochzeit statt. Hier sind es fünfhundert Menschen. Die Männer stehen links, Frauen und Kinder sitzen rechts. Vorne tanzen immer wieder Menschen zu iranischer Lifemusik und über allem thront das frischvermählte Hochzeitspaar.

Und als ob der Tag noch nicht verrückt genug gewesen wäre, geht es jetzt erst richtig los. Während Mike bei den Männern bleibt, wird Cynthia zu den Frauen verfrachtet. Ein grosser Trubel geht los. Es werden stundenlang Selfies gemacht, Fragen gestellt und mit grossen Augen einander angeschaut. Die Iraner sind sehr herzlich und obwohl sie teilweise sehr gut Englisch sprechen, sind sie doch sehr scheu. So schämen sich ältere Herren mit der Hand vor dem Gesicht und junge Frauen verstecken sich hinter dem Schleier. Mit etwas Zeit und freundlichem Lächeln lockt man dann doch das eine oder andere englische Wort heraus. Und kaum ist dieses über die Lippen, geht die Plauderei los. Es wird erzählt, Familien vorgestellt, die Zeremonie erklärt oder mit Mike auch Männerzeugs besprochen. Aber vor allem: Handshake und Selfie. Selfie. Selfie. Wir tauschen Nummern und werden von vielen Familien für den nächsten Tag eingeladen. Leider konnten wir die Einladungen nicht annehmen. Teheran ruft.

Um Mitternacht wird uns eine grosse Ehre zuteil. Wir sollen traditionelle Schweizer Tänze tanzen. Nur wir zwei. Vor allen Zuschauern. Ähm... Traditionelle Schweizer Tänze? Nein sagen gilt nicht. Einander berühren und sich nahe kommen sowieso nicht. So wird aus der Sicht des Iraners westliche Musik gespielt und die beiden Pédaleurs zappeln tapfer den traditionellen Tanz der Eidgenossen. Unglaublich. Und noch ein Lied und noch ein Lied. Etwa fünfzig Kameras - darunter auch professionelle Ware - haben die Szenerie für immer und ewig festgehalten. Anschliessend noch ein Interview mit Mikrophon und dann die Dankeszeremonie. Der Onkel der Braut ist beinahe am Weinen. So gross sei die Ehre für ihn, dass wir an der Hochzeit seiner Familie erschienen sind und sogar getanzt haben. Der Dank liegt ganz auf unserer Seite. Den Abend werden wir wohl nie vergessen. Zurück in unserem Schlafgemach gibt es noch Abendessen von der Mama und dann geht es ab auf den Teppich.

Wir wollen heute früh raus. Gestärkt von Mamas Frühstück machen wir uns auf den Weg in Richtung Rasht. Der gestrige Tag liegt uns noch schwer in den Knochen und vor allem Cynthia ist heute nicht so richtig im Strumpf. Gestern haben wir so viel gesehen, erlebt, gefühlt. Zuviel. So beschliessen wir, uns ein Hotel zu nehmen. Auf dem Weg dorthin werden wir von der Polizei angehalten. Passkontrolle. Wir überlegen uns, ob wir dann mal eine Strichliliste einführen sollen - aber im Moment geht es noch. Das Hotel finden wir überraschend in der Nähe von Hashtpar. Wir checken ein und geniessen die Ruhe.

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