Km 26261 - Km 26504_Cataviña – Guerrero Negro


Am kommenden Morgen – die Nacht war mega erholsam – muss sich Cynthia von ihren geliebten Flipflops verabschieden. Nummer sechs oder sieben oder was auch immer auf dieser Reise hat seinen Geist aufgegeben. Bänderriss. Unheilsam. Schluchz.

Nach Brötli und Nutella starten wir somit ungefähr 100 Gramm leichter in den Tag. Als erstes strampeln wir während 20 Kilometern auf eine Höhe von 880 Metern über Meer. Der Himmel strahlt blau und die Sonnenstrahlen lassen den Asphalt flimmern. Bei der Abfahrt kommt uns ein Fahrradfahrer von Süden her entgegen. Ein Schweizer. En Schwiizer. Juhui. Marcus ist aus der Romandie und sitzt seit Juli 2015 im Sattel. Seine Tour führte ihn nach Südafrika und von dort aus nach Südamerika. Sein nächstes Ziel ist San Diego. Während wir so fröhlich zu dritt aufeinander einplaudern kommt ein weiterer Fahrradfahrer von Norden daher gefahren. Masanori ist aus Japan und flitzt auf seinem Rennrad und unglaublich wenig Gepäck von Canada nach Mexico City. In mehreren Etappen will er in den kommenden Jahren die Panamericana beradeln. Es macht uns Spass uns mit den beiden zu unterhalten und die Stunde vergeht wie im Flug. Übrigens ist Masanori der siebenundzwanzigste Radler, dem Marcus auf der Baja begegnet. Ziemlich common diese Landzunge.

Nun wird es aber höchste Zeit um sich zu verabschieden, schliesslich wollen wir heute noch ein ziemliches Stück weiterkommen. Die Strasse wird flacher und wir können um einiges zügiger radeln als im Verlauf der letzten Tage. Mitten im Nirgendwo – also wirklich, hier gibt es weder Wasser noch Schatten noch irgendwas – stellt sich uns ein halb verhungerter Mann in den Weg. Der Kerl ist völlig ausgezerrt und sonnenverbrannt. Wasser hat er genügend dabei, doch er ist sehr hungrig. Wir geben ihm einen Sack Datteln und einige Energieriegel und fragen ihn, was er denn hier so tut. Er sei auf dem Weg von Tijuana nach Guerrero Negro sagt er. Zu Fuss. Wir nehmen an, der Mexikaner, der sehr gutes Englisch spricht, wurde aus den USA verwiesen und befindet sich auf dem Heimweg. Wie gesagt – wir nehmen es nur an. Aber es ist ja ein Fakt, dass die Amerikaner die illegalen Einwanderer – übrigens scheissegal ob aus Mexico, Honduras oder Chile, Hauptsache sie sprechen Spanisch – einfach nach Tijuana bringen. Und da müssen sie dann gucken wie es – meist ohne Papiere - weitergeht. Wir denken noch einige Male an den jungen Mann und hoffen, dass er sein Ziel erreicht hat.

Ganz im Gegensatz zur letzten Begegnung ist die Landschaft einfach wunderbar. Kakteen, Esel, Ziegenspuren, blauer Himmel, fabelhaft. Es ist warm, beinahe heiss und wir dütschen so einige Colas im Verlauf des Tages. In einem Café geniessen wir noch einen Burrito und suchen uns anschliessend einen weiteren Platz für unser Zelt. Auch heute werden wir schnell fündig und richten unser Heim etwas abgeschirmt von der Strasse auf. Den Abend verbringen wir mit Nachtföteli. Mit Hilfe der Lampen und der Langzeitaufnahme stellen wir Alienangriffe, Speedy Conzales, Ironman oder Kakteen nach. Bitzi Kindisch aber meeeeega lustig.

Mitten in der Nacht schrecken wir ob einem unbekannten Geräusch hoch. Mit Kukri und Lampe bewaffnet guckt Mike aus dem Zelt. Phuu. Es ist nur eine Kuh, die sich ihren Trampelpfad zurückerobern will. Eine kleine Herde schleicht im Mondlicht um unser Zelt und sucht sich die letzten grünen Pflänzchen, die den Sommer über nicht verdorrten. Plötzlich hören wir auch ein Husten. Wir denken an einen Hirten – können jedoch niemanden entdecken. Naja, vielleicht war es ja auch eine Hustkuh. Wer weiss. Jedenfalls wurden wir nicht weiter behelligt und konnten anschliessend gemütlich vor uns hin schnärcheln.

Am frühen Morgen werden wir von den Klängen der Koyoten sowie der ersten Sonnenstrahlen geweckt. Wir sind somit früh dran und bilden uns schon fast ein, dass wir es heute bis Guerrero Negro schaffen. Doch ein Platten in Mikes Vorderpneu bremst uns bereits vor der Abfahrt. Das Löchli finden wir nicht und so wechseln wir kurzerhand den Schlauch aus. Nun kann es aber losgehen. Wie erhofft, führt die Fahrt leicht bergab und wir kommen zügig voran. Unser zweites Frühstück nehmen wir kurz vor Punta Pietra in einem kleinen Café ein. Wir bestellen Eier mit Speck und bekommen Eier mit Speck mit Pommes mit Fruchtsalat mit Tortillas. Satt.

Auf der weiteren Fahrt werden wir vom Gegenwind geplagt. Mit der Verzögerung im Restaurant, dem Platten und dem Wind, können wir uns das Tagesziel von 155 Kilometern wohl definitiv ans Bein schmieren. Egal – war ja nur so ein Gedanke. Wie aufs Stichwort beginnen nun auch wieder die Hügel. Wie aus dem Nichts geht es in steilen Windungen in die Höhe und krächzen und schwitzen und kommen nur langsam voran. Gerade nach den ersten doch sehr flachen und anspruchslosen Kilometern fehlt uns nun die Energie für solche Herausforderungen. So freuen wir uns sehr, als wir in Nuevo Rosalito unerwartet auf ein Hotel treffen. Man soll bitte zweimal den Claxon läuten, wenn man ein Zimmer möchte. Den was? Sowohl auf Spanisch als auch auf Englisch heisst das Wort Claxon. Wir stehen da und suchen wie die blöden nach einer Klingel. Oder einem Telefon. Oder einer Schnur mit einer Glocke. Oder sonst etwas, das nach einem Claxon aussieht. Nix. So schlendert Mike einmal um die Ecke und fragt den Mechaniker um Hilfe. Wie das eben in so kleinen Orten ist, der Mechaniker ist auch gleich der Hotelbesitzer. Aber erstmal muss das LKW Rad gewechselt werden. Wir warten eine Weile und bekommen anschliessend den Zimmerschlüssel überreicht. Das Zimmer ist mega schön und überrascht uns total – sieht das Gebäude von aussen doch eher etwas verlottert aus. Im anliegenden Restaurant essen wir ein gutes Abendessen und machen uns anschliessend via Dorflädeli auf den Heimweg.

Direkt als wir das Lädeli verlassen, sprechen uns aus dem Auto heraus zwei völlig überdrehte Franzosen an. Sie wissen nicht wo sie schlafen sollen und sind dankbar über unseren Hinweis betreffend Hotel. Die zwei sind völlig schräg – also sehr nett, aber wirklich schräg. Ultra aufgedreht. Sie bekommen das Zimmer neben uns und Cynthia gesellt sich noch für einen Schwatz zu ihnen. Sie erzählen von Honig den sie herstellen wollen. Und in den Norden liefern. Und irgendwas mit Nicaragua und so. Naja. Nach der ganzen Geschichte denken wir uns, das Wort Honig müsste wohl mit einem anderen Wort ausgetauscht werden und befürchten etwas, dass die beiden Jungs als Drogeneselis benutzt werden. Aber - was wotsch mache; muss ja jeder selber wissen.

Die Nacht war relativ kurz, denn die aufgedrehten Franzosen haben die ganze Nacht über in ihrem Zimmer gequatscht – und die Wände sind dünn hier in Mexico. Etwas verknorzt stehen wir also auf und probieren uns das erste Mal an den amerikanischen Haferflocken. Wääääh. Also wirklich. Vollgepappt mit Maissirup. So gruusig. Wir können das Frühstück nicht essen und entscheiden uns stattdessen für Schoggiguetzli. Mit Sicherheit gesünder.

Die Strecke heute ist grundsätzlich flach. Wir kommen gut voran, leiden aber etwas am unausgewogenen Frühstück. Um elf Uhr setzen wir uns an den Strassenrand und köcherln einen Fertigrisotto, den wir noch seid Australien dabeihatten. Anschliessend pedalieren wir weiter vor uns hin, quatschen viel, flicken einen weiteren Platten und steuern langsam aber sicher der ersten grösseren Stadt seit Ensenada entgegen.

Bereits siebzehn Kilometer, bevor wir sie erreichen, entdecken wir die grosse Landesflagge die den 28igsten Breitengrad markiert. Siebzehn Kilometer – stell dir mal die Grösse vor. Und bei einer Entfernung von elf Kilometern konnten wir sogar die Farben erkennen. Wahnsinn. Wir sagen euch – es nimmt keis Änd, wenn du vierzig Minuten lang auf eine Flagge zu radelst, die du einfach nicht zu erreichen scheinst. Kurz vor zwei Uhr ist es dann aber soweit und wir verlassen die Baja California Norte um gleich darauf den Boden der Baja California Sur zu betreten. Wir sind in Guerrero Negro. Juhui.

In der Stadt – oder so ähnlich – angekommen, nehmen wir uns ein Hotel für zwei Nächte, Mike holt frische Burritos, wir kämpfen mit den Chilis in der Füllung, Waschen die Kleider, Duschen und tippseln das Erlebte.

Noch sind wir erst in der Hälfte – aber wir sagen euch: Die Baja California ist super, super schön.

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