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Km 35211_Toniná

  • 9. Juni
  • 7 Min. Lesezeit

Am nächsten Morgen schlüpfen wir aus dem Zimmer, begeben uns auf die Hauptstrasse und nehmen das erste Taxi, welches uns während ungefähr einer halben Stunde bis nach Toniná fährt. Bereits bei der Anreise sehen wir inmitten von grünen Hügeln die bekannte Pyramide.


Wir sind kurz vor der Öffnung vor Ort und werden von einem Guide begrüsst. Er heisst Manuel und bietet uns an, uns über die Anlage zu begleiten. Wir nehmen das Angebot gerne an und ein paar Pesos wechseln den Besitzer. Manuel machte mit uns eine superspannende Führung. Er hat uns richtig viel erklärt, gezeigt und uns bis in die dunkelsten und hintersten Winkel der Pyramiden geführt. Er hat sich extra Mühe gegeben, langsam und deutlich gesprochen und immer sichergestellt, dass wir alles verstanden haben.


Für diesen Beitrag haben wir aber noch einiges online über die Maya recherchiert – einfach, damit auch du eine hoffentlich spannende und übersichtliche Zusammenfassung bekommst.  

 

Die Maya hatten ein komplexes und zugleich poetisches Weltbild. Für sie waren Himmel, Erde und Unterwelt keine voneinander getrennten Orte, sondern miteinander verbundene Bereiche eines lebendigen Kosmos, der von Göttern, Ahnen, Tieren und Naturkräften durchdrungen war. Im Mittelpunkt stand der Weltenbaum, meist eine Ceiba (Kapokbaum). Seine Wurzeln reichten in die Unterwelt, sein Stamm stand in der Menschenwelt und seine Krone berührte die Himmelsebenen.

Die Unterwelt war keine Hölle im heutigen Sinn. Sie galt als Reich der Ahnen, der Todesgötter, der Dunkelheit, aber auch der Wiedergeburt und Verwandlung. Höhlen, Quellen, Cenoten und tiefe Erdspalten wurden als Zugänge dorthin betrachtet. Nach Maya-Vorstellungen musste sogar die Sonne jede Nacht durch die Unterwelt reisen, bevor sie am Morgen wieder erschien. Da Himmel, Erde und Unterwelt ständig miteinander verbunden waren, versuchten Herrscher und Priester durch Rituale, Opfer und Trancezustände mit Göttern und Ahnen in Kontakt zu treten. Tempelpyramiden wurden deshalb oft als künstliche Berge gestaltet, die diese Verbindung symbolisierten.

 

Toniná ist eine der beeindruckendsten und zugleich weniger bekannten Maya-Städte Mexikos. Sie liegt etwa 13 Kilometer östlich von Ocosingo und war zwischen dem 6. und 10. Jahrhundert n. Chr. ein bedeutendes Machtzentrum. Während Orte wie Chichén Itzá oder Palenque heute bekannter sind, vermittelt Toniná einen anderen Eindruck der Maya-Welt: eine stark befestigte Stadt, die politische Macht und militärische Stärke sichtbar machte. Jahrhundertelang stand Toniná in Konkurrenz zu Palenque. Inschriften berichten von Kriegen, der Gefangennahme gegnerischer Herrscher und bedeutenden militärischen Erfolgen. Sie gilt als eine der letzten grossen Zeugen des Zusammenbruchs der klassischen Maya-Zivilisation. Die Stadtanlage erhebt sich auf sieben übereinanderliegenden Terrassen mit Tempeln, Palästen und Heiligtümern. Mit einer Höhe von etwa 75 Metern übertrifft die Anlage sogar die berühmte Sonnenpyramide von Teotihuacán. Toniná gilt als etwa zu dreissig Prozent erforscht. Man nimmt an, dass sich unter den zu Beginn erwähnten grünen Hügeln weitere Pyramiden befinden.

 

In Toniná wird das Maya-Weltbild besonders anschaulich. Die gewaltige Akropolis war nicht nur ein politisches und religiöses Zentrum, sondern zugleich ein Abbild des Kosmos. Die unteren Bereiche standen symbolisch für die Unterwelt, die mittleren Terrassen für die Welt der Menschen und die oberen Tempel für die göttlichen Himmelsebenen. Wer die Anlage hinaufstieg, vollzog symbolisch eine Reise durch die verschiedenen Bereiche des Universums. Für die Maya war Toniná daher weit mehr als eine Stadt – sie war ein Modell der kosmischen Ordnung aus Stein.

 

Auch das berühmte Maya-Ballspiel hatte eine tiefere religiöse Bedeutung. Die genauen Regeln sind bis heute nicht vollständig bekannt, da die Maya zwar zahlreiche Darstellungen, jedoch kein Regelwerk hinterliessen. Wahrscheinlich traten zwei Mannschaften auf einem Spielfeld gegeneinander an und spielten mit einem schweren Gummiball. Dieser durfte meist nicht mit Händen oder Füssen berührt werden; stattdessen wurden vor allem Hüfte, Oberschenkel, Gesäss und teilweise die Ellbogen eingesetzt. Da der Ball mehrere Kilogramm wiegen konnte, trugen die Spieler Schutzgürtel und Polster. Punkte wurden vermutlich erzielt, wenn die gegnerische Mannschaft den Ball nicht zurückspielen konnte, er das Spielfeld verliess, mit einem verbotenen Körperteil berührt wurde oder bestimmte Markierungen traf.

Für die Maya war das Ballspiel jedoch weit mehr als ein sportlicher Wettkampf. Im heiligen Buch Popol Vuh treten die göttlichen Zwillingshelden in einem Ballspiel gegen die Mächte der Unterwelt an. Deshalb galt das Spielfeld als symbolische Grenze zwischen Leben und Tod sowie zwischen Himmel und Unterwelt. In Toniná ist diese Bedeutung besonders deutlich sichtbar. Die Reliefs am Ballspielplatz zeigen besiegte Feinde und verdeutlichen die enge Verbindung zwischen Ballspiel, Krieg, Herrschaft und Religion. Manuel erklärte uns, dass der Kapitän des Siegerteams jeweils geopfert worden sein soll. Dies galt als grosse und seltene Ehre, die im Zusammenhang mit komplexen Kalenderzyklen stand.

 

Von 2023 bis 2026 war Toniná aufgrund eines Konflikts um den Zugang zur archäologischen Zone geschlossen. Nach der Enteignung des betroffenen Grundstücks wurde das Gelände im März wieder eröffnet. Offenbar sind jedoch noch nicht alle Spannungen vollständig ausgeräumt. Denn als wir unsere Besichtigung beenden und das Museum betreten, folgen uns die drei Beamten, die zuvor den Eingang bewacht hatten. Zunächst halten sie sich am anderen Ende des Raumes auf, später kommen sie auf uns zu. Zwei geben uns die Hand und sprechen mit uns, während der Dritte möglichst unauffällig Fotos von uns macht.

Das Gespräch verläuft ausgesprochen freundlich. Die Beamten stellen sich vor, heissen uns in Chiapas willkommen, berichten von früheren Unruhen in der Region und erklären uns, dass sie für unsere Sicherheit sorgen. Die verstärkte Präsenz von Polizei und Guardia Nacional soll Vertrauen schaffen und den Tourismus stärken. Die drei Männer sind sehr sympathisch. Und trotzdem ist es etwas schräg – schliesslich wir sind die einzigen Besucher der riesigen Tempelanlage.

Um die Tempelanlage wieder zu verlassen, rufen wir unseren Taxichauffeur an, der uns abholte. Diese Fahrt liess er sich vergolden. Jänu. Wir nehmen es als Lehrgeld und merken uns: Früher oder später kommt immer ein Sammeltaxi. Immer.

 

***


The next morning, we slip out of our room, head to the main road, and take the first taxi we find. After about half an hour, it brings us to Toniná. Even on the way there, we can already see the famous pyramid rising among the green hills.

We arrive shortly before opening time and are greeted by a guide named Manuel. He offers to accompany us around the site, and we gladly accept. A few pesos change hands, and Manuel gives us a fascinating tour. He explains an incredible amount, shows us countless details, and even leads us into the darkest and most remote corners of the pyramids. He makes a real effort to speak slowly and clearly, always making sure that we understand everything.

For this article, however, we also researched the Maya online so that you can enjoy what we hope is an interesting and easy-to-follow summary.

The Maya had a complex yet poetic worldview. For them, heaven, earth, and the underworld were not separate places but interconnected realms within a living cosmos permeated by gods, ancestors, animals, and natural forces. At the center stood the World Tree, usually represented by a ceiba (kapok tree). Its roots reached into the underworld, its trunk stood in the human world, and its crown touched the heavenly realms.

The underworld was not considered a hell in the modern sense. It was seen as the realm of ancestors, death gods, darkness, but also rebirth and transformation. Caves, springs, cenotes, and deep fissures in the earth were regarded as entrances to this realm. According to Maya beliefs, even the sun had to travel through the underworld every night before reappearing in the morning. Because heaven, earth, and the underworld were constantly connected, rulers and priests sought contact with gods and ancestors through rituals, sacrifices, and trance states. Temple pyramids were therefore often designed as artificial mountains symbolizing this connection.

Toniná is one of the most impressive yet lesser-known Maya cities in Mexico. Located about 13 kilometers east of Ocosingo, it was an important center of power between the 6th and 10th centuries AD. While places such as Chichén Itzá or Palenque are better known today, Toniná offers a different impression of the Maya world: a heavily fortified city that visibly demonstrated political power and military strength.

For centuries, Toniná rivaled Palenque. Inscriptions recount wars, the capture of enemy rulers, and significant military victories. It is considered one of the last great witnesses to the collapse of the Classic Maya civilization. The city rises across seven superimposed terraces containing temples, palaces, and sanctuaries. At approximately 75 meters in height, the complex even surpasses the famous Pyramid of the Sun in Teotihuacán. Toniná is estimated to be only about thirty percent explored. Archaeologists believe that additional pyramids remain hidden beneath the green hills mentioned earlier.

The Maya worldview becomes especially tangible in Toniná. The massive acropolis was not only a political and religious center but also a representation of the cosmos itself. The lower sections symbolized the underworld, the middle terraces represented the world of humans, and the upper temples stood for the divine heavenly realms. Anyone ascending the complex symbolically journeyed through the different layers of the universe. For the Maya, Toniná was therefore far more than a city—it was a stone model of cosmic order.

The famous Maya ballgame also carried deep religious significance. The exact rules remain unknown because, although the Maya left numerous depictions of the game, they never recorded a formal rulebook. It is believed that two teams competed on a court using a heavy rubber ball. Players were generally not allowed to touch the ball with their hands or feet; instead, they primarily used their hips, thighs, buttocks, and sometimes their elbows. Since the ball could weigh several kilograms, players wore protective belts and padding. Points were probably scored when the opposing team failed to return the ball, when it left the court, when it was touched with a prohibited body part, or when it struck specific markers.

For the Maya, however, the ballgame was much more than a sporting competition. In the sacred book Popol Vuh, the divine Hero Twins play a ballgame against the powers of the underworld. As a result, the ballcourt was regarded as a symbolic boundary between life and death, as well as between heaven and the underworld. In Toniná, this significance is particularly visible. Reliefs around the ballcourt depict defeated enemies and illustrate the close connection between the ballgame, warfare, rulership, and religion. Manuel explained to us that the captain of the winning team was supposedly sacrificed. This was considered a great and rare honor connected to complex calendar cycles.

From 2023 to 2026, Toniná was closed due to a conflict over access to the archaeological zone. Following the expropriation of the affected property, the site reopened in March. Apparently, however, not all tensions have been completely resolved. As we finish our visit and enter the museum, the three officers who had been guarding the entrance follow us inside. At first, they remain at the other end of the room, but later they approach us. Two shake our hands and start a conversation while the third discreetly takes photographs of us.

The conversation is extremely friendly. The officers introduce themselves, welcome us to Chiapas, speak about past unrest in the region, and explain that they are there to ensure our safety. The increased presence of the police and the Guardia Nacional is intended to build trust and strengthen tourism. The three men are very likeable. And yet, the situation feels somewhat strange—after all, we are the only visitors at this enormous temple complex.

To leave the archaeological site, we call the taxi driver who had brought us there earlier. He certainly charges us a premium for the return trip. Oh well. We consider it a learning experience and make a mental note: sooner or later...

 
 
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