Km 34857 - Km 34994_Chiapa de Corzo - San Vicente la Mesilla
- 25. Mai
- 9 Min. Lesezeit

Als hätten wir es bereits beim letzten Eintrag geahnt: Es kommt anders als geplant. Chiapa de Corzo verlassen wir in Richtung der Ausgrabungsstätte, die wir wenige Tage zuvor besucht hatten. Die gute Strasse verwandelt sich innert kürzester Zeit in einen Kiesweg und danach in eine Schotterpiste. Immer wieder entdecken wir grüne Steine, aus denen hier seit Jahrtausenden Schmuck gefertigt wird. Fünf Kilometer lang schieben wir steil bergauf und bergab, bis wir schliesslich die Strasse CHIS 101 erreichen. Nun rollt es sich bedeutend besser. Wir sind wieder auf Asphalt und kommen relativ gut voran.
Von den Hunden haben wir auf dieser Reise bislang kaum erzählt – obwohl sie allgegenwärtig sind. Bis anhin haben wir fast nur gute Erfahrungen gemacht. Die Strassenhunde sind entweder nett, faul, desinteressiert oder alt und die angriffslustigen Hunde sind zumeist angebunden. Aber eben halt nur zumeist. Es kam schon ab und an mal vor, dass sie uns mit mehr Energie als gewünscht verfolgten, doch es ging immer gut aus. Meist verlässt sie der Schnuuf oder das Interesse. Heute ist es anders. Dieser durchtriebene kleine Bastard näherte sich uns lautlos von hinten. Hätte er nicht den Fehler gemacht auf den letzten Metern zu bellen, dann wäre ihm der Überfall wohl vollends gelungen. So schafft er es aber nur, sich in die Packtasche zu verbeissen. Nichts passiert, nur ein paar Sabberspuren sind geblieben. Und ein kleiner Schrecken.
Unsere Strasse schlängelt sich entlang des Rio Grijalva. Die Aussicht über das Tal ist wunderbar weit und superschön. Auf vielen Feldern brennt es. Vermutlich handelt es sich um traditionelle Brandrodung: Nach der Ernte verbrennen die Bauern Pflanzenreste, um den Boden für die nächste Saison vorzubereiten und Unkraut zu entfernen. Während uns die Strasse gemächlich hoch und runterführt, duschen wir in der herunterfallenden Asche. Wir passieren einige Dörfer, wovon ein paar abgesperrt sind. Noch wundern wir uns, doch im Laufe der nächsten Tage kommen wir der Sache dann auf den Trichter.
Noch vor dem Mittag erreichen wir unser Tagesziel Acala. Es hat hier kein typisches Hotel, sondern Gasthäuser. In einem Laden fragen wir nach dem nächsten Gasthaus – und wie der Zufall so spielt: oberhalb des Ladens hat es freie Zimmer und die sehr herzlichen Gastgeber führen zeitgleich den kleinen Abarrote. Das Zimmer ist frisch renoviert, schlicht und zu einem sehr fairen Preis. Wir sind froh, eine Unterkunft zu haben und ziehen direkt ein. Danach besichtigen wir den Ort bei einem Spaziergang zur Brücke. Das Städtlein gefällt uns sehr gut. Der Name Acala stammt vermutlich aus dem Náhuatl und bedeutet „Ort der Kanus“ – ein Hinweis darauf, dass hier früher entlang Flusses Handel und Transport mit Einbäumen betrieben wurden. Einen Einbaum sehen wir sogar auch. Aber er wird schon lange nicht mehr genutzt. Nach einer Portion Tacos und einem kleinen Einkauf spazieren wir wieder zurück in unsere Unterkunft.
Abends wollen wir nochmals raus, denn wir brauchen noch etwas Gemüse für unser Abendessen. Doch siehe da: alles ist geschlossen. Die Läden sind zu, Feierabend. Heute ist Sonntag und wir denken mal, es liegt daran. Gemüse gibt es heute nicht mehr. In einem grösseren Laden finden wir die wichtigsten Utensilien für eine Portion Cornflakes und so gönnen wir uns halt das zum Znacht.
Wir stehen sehr früh auf, und der Gastgeber ist gleich mit uns wach. Er ist sehr interessiert an unserem Packen, und so machen wir uns an diesem Tag mit Publikum bereit. Obwohl die Strecke relativ flach ist, ist die Fahrt sehr anstrengend. Der Asphalt ist rau und schottrig, was uns ständig ausbremst. Alles in allem kommen wir nicht so zügig voran, wie wir es erwartet hatten.
In Vicente Guerrero kaufen wir ein Getränk und werden von der Ladenbetreiberin nach unserer Route gefragt. Nach unserer Antwort warnt sie uns vor der Strecke bzw. informiert uns, dass die Strasse aktuell von Soldaten geschlossen gehalten wird. Wir sehen jedoch keine Soldaten und biegen zunächst in Richtung Nicolás Ruiz ab. Doch uns kommen immer weniger Autos entgegen, und wenn, dann sind darin weder Frauen noch Kinder zu sehen. Offensichtlich wird die Gegend aktuell gemieden. Wir beschliessen, ebenfalls eine andere Route zu nehmen, und drehen um – zurück auf die CHIS 101. Die Strasse ist plötzlich fantastisch ausgebaut, es hat wieder viel Verkehr und Gewusel und wir kommen sehr gut voran. Die Landschaft ist wunderschön, und wir legen die knapp dreissig Kilometer bis Venustiano Carranza zügig zurück. Der Ort selber liegt auf einem Hügel. Ihn zu erreichen ist ziemlich anspruchsvoll und steil. Und soooo heiss. Auch hier waren die Strassen mit Metallseilen und Steinen versperrt – doch die Sperren sind wieder offen. Wir fahren ins Zentrum und nehmen uns ein Zimmer.
In Chiapas gibt es generell soziale Spannungen und Konflikte zwischen lokalen Gruppen, den Kartellen und anderer organisierter Kriminalität. Oft geschehen Angriffe aus Fahrzeugen, die aus verschiedenen Richtungen in die Dörfer einfahren. Daher auch die jeweiligen Absperrungen an den Ortseingängen. Vor wenigen Wochen kam es auf der von uns ursprünglich geplanten Strecke zu einem blutigen Angriff auf das Dorf Nicolás Ruiz. Die Stimmung ist nach wie vor entsprechend angespannt. Gewalt und Leichtigkeit liegen hier besonders nahe beieinander. Es wird gesungen, gewunken und gelacht, und gleichzeitig herrscht ein erbarmungsloser Konflikt mit stets traurigem Ausgang.
Am Mittag hatten wir noch geplant, über den Ort Las Rosas auszuweichen. Nun beschliessen wir jedoch, nach Comitán de Domínguez zu fahren und von dort die Hauptstrasse zu nehmen, um die kleinen abgelegenen Dörfer in der Region vorerst zu meiden.
In der Nacht ist es unfassbar heiss. Unser Ventilator pustet etwas demotiviert die warme Luft umher, und die Moskitos geniessen an uns ihr Festmahl.
Auch dieser Hotelier ist sehr interessiert, und so packen wir ein weiteres Mal vor Publikum. Wir starten direkt mit zwei Platten. Auf eine Reparatur haben wir wenig Lust – wir möchten den Ort zügig verlassen. Also pumpen wir einfach auf und fahren los.
Bereits am Vortag hatten wir per WhatsApp ein Hotel für die nächsten zwei Nächte gebucht. Kurz vor unserem Ziel hält ein Motorradfahrer neben uns an und redet auf uns ein. Zuerst denken wir, er wolle uns etwas verkaufen oder uns sonst etwas anbieten. Doch dann holt er sein Handy hervor und zeigt uns unseren Chatverlauf. Es stellt sich heraus: Er ist der Nachtportier unseres Hotels. Sehr lustig.
Die Fahrt bis San Vicente la Mesilla ist relativ einfach, und wir legen die gut vierzig Kilometer schnell zurück. Mit der Hotelwahl haben wir ein goldenes Händchen bewiesen, und wir fühlen uns in unserem Zimmer sofort wohl. Nach einem feinen Zmittag legen wir uns hin. Eigentlich nur kurz geplant – doch schon nach wenigen Sekunden fallen wir in einen Tiefschlaf, aus dem wir erst über drei Stunden später wieder erwachen. Das tat gut.
Danach machen wir uns im kleinen Ort San Vicente la Mesilla auf die Suche nach Gemüse. Alleine finden wir nichts, also nehmen wir ein Mototaxi. Die Fahrt dauert etwa zehn Minuten, bis unser Fahrzeug vor einem kleinen Kiosk hält, an dem ein paar Tomaten verkauft werden. Alleine hätten wir diesen Ort wohl nie gefunden. Der Fahrer wartet draussen auf uns und bringt uns nach einem Zwischenstopp für seine persönlichen Erledigungen wieder zurück ins Hotel.
Dort flicken wir bei einem grossen Krug Limonade die beiden Platten. Anschliessend kochen wir im eigenen Garten bei aufkommendem Gewitter ein wunderbares Nachtessen und fallen gleich wieder in den nächsten Tiefschlaf.
***
As if we had already sensed it in the previous entry: things don’t go as planned. We leave Chiapa de Corzo heading towards the archaeological site we had visited a few days earlier. The good road quickly turns into a gravel track and then into a rough dirt path. Again and again we spot green stones from which jewellery has been made here for thousands of years. For five kilometres we push steeply uphill and downhill until we finally reach the CHIS 101 road. From there, it rolls much better. We are back on asphalt and making decent progress.
We have hardly mentioned dogs on this journey so far—despite them being everywhere. Until now, we’ve had almost only good experiences. The stray dogs are either friendly, lazy, indifferent, or old, and the aggressive ones are usually tied up. But only usually. Occasionally, one has followed us with more energy than welcome, though it always ended well. Most of the time they simply lose breath or interest. Today is different. This devious little bastard approached us silently from behind. Had he not made the mistake of barking in the final metres, he might have pulled off the attack completely. As it is, he only manages to sink his teeth into a pannier. Nothing happens—just a few traces of saliva and a small scare.
Our road winds along the Río Grijalva. The view over the valley is vast and beautiful. Many fields are burning. It is likely traditional slash-and-burn agriculture: after the harvest, farmers burn plant residues to prepare the soil for the next season and remove weeds. While the road gently climbs and descends, we ride through falling ash like a shower. We pass several villages, some of which are barricaded. At first we wonder about it, but over the next few days we begin to understand.
Before midday we reach our destination for the day, Acala. There are no typical hotels here, only guesthouses. In a shop we ask for the nearest place to stay—and as luck would have it, there are rooms right above the shop, and the very welcoming hosts also run the small grocery store downstairs. The room is freshly renovated, simple, and very reasonably priced. We are glad to have accommodation and move straight in. Afterwards we explore the town on a walk to the bridge. We really like the place. The name Acala likely comes from Náhuatl and means “place of the canoes”—a reference to the fact that transport and trade by dugout canoe once took place along the river here. We even see a dugout canoe, though it has long since fallen out of use. After some tacos and a small grocery run, we walk back to our accommodation.
In the evening we head out again, as we still need vegetables for dinner. But everything is closed. Shops shut, end of the day. It’s Sunday, we assume that’s why. No vegetables today. In a larger store we find the essentials for a bowl of cornflakes, so that’s what we end up having for dinner.
We get up very early, and the host is already awake too. He is very interested in our packing, so we prepare for the day with an audience. Although the terrain is relatively flat, the ride is exhausting. The asphalt is rough and gravelly, constantly slowing us down. All in all, we don’t make as much progress as expected.
In Vicente Guerrero we buy a drink and are asked about our route by the shop owner. After our answer she warns us about the road, telling us that the route is currently being kept closed by soldiers. However, we don’t see any soldiers and initially continue towards Nicolás Ruiz. But fewer and fewer vehicles come towards us, and when they do, there are no women or children inside. Clearly, the area is currently being avoided. We decide to change our plan, turn around, and head back to CHIS 101. Suddenly the road is fantastically well paved again, there is traffic and movement, and we make very good progress. The landscape is beautiful, and we cover the nearly thirty kilometres to Venustiano Carranza quickly. The town itself sits on a hill. Reaching it is quite demanding and steep—and very hot. Here too, roads at the entrances were blocked with metal cables and stones, but the barriers are open again. We ride into the centre and take a room.
In Chiapas there are generally social tensions and conflicts between local groups, cartels, and other organised crime. Attacks often occur from vehicles entering villages from different directions, which is why settlements are sometimes barricaded. Just a few weeks ago, a bloody attack took place in the village of Nicolás Ruiz on the route we had originally planned. The atmosphere remains tense. Violence and lightness exist side by side here in a striking way—there is singing, waving, and laughter, while at the same time there is a relentless conflict with often tragic outcomes.
At midday we had still planned to detour via Las Rosas. Now we decide instead to head to Comitán de Domínguez and take the main road from there, avoiding the small remote villages for now.
During the night it is unbearably hot. Our fan weakly pushes warm air around, and the mosquitoes enjoy their feast on us.
This hotel owner is also very interested, and once again we pack our things in front of an audience. We start immediately with two punctures. We are in no mood for repairs—we want to leave quickly. So we simply pump the tyres and set off.
The day before, we had already booked a hotel for the next two nights via WhatsApp. Shortly before our destination, a motorcyclist pulls up beside us and starts talking. At first we think he is trying to sell us something. But then he pulls out his phone and shows us our chat. It turns out he is the night porter of our hotel. Quite funny.
The ride to San Vicente la Mesilla is relatively easy, and we cover the good forty kilometres quickly. We made a great choice with the hotel, and we immediately feel comfortable in our room. After a good lunch we lie down. What was meant to be a short rest turns into a deep sleep, from which we only wake more than three hours later. That felt good.
Afterwards we go in search of vegetables in the small town of San Vicente la Mesilla. We find nothing on our own, so we take a moto taxi. The ride takes about ten minutes until the driver stops at a small kiosk selling a few tomatoes. We would never have found this place on our own. The driver waits outside and, after stopping for his own errands, takes us back to the hotel.
There we fix the two punctures over a large jug of lemonade. Afterwards we cook a wonderful dinner in the garden as a storm approaches, and then fall straight into the next deep sleep.

