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Km 35211 - Km 35340_Ocosingo - Palenque

  • 12. Juni
  • 11 Min. Lesezeit

Der 199 folgend verlassen wir Ocosingo. Auf den ersten paar hundert Metern halten wir immer wieder an, denn es hat so viele schöne VW Käfer, die alle fotografiert werden müssen. Mike ist seit ein paar Tagen gesundheitlich angeschlagen. Der Burger damals in Comitán de Domínguez war wohl nix. Süppchen und viel Schlaf in den letzten Tagen haben zwar geholfen, doch nicht ausgereicht. Wahrscheinlich hätten wir noch einen Tag länger bleiben sollen. Wette, hätte, Fahrradkette.

Auf den heutigen grob sechzig Kilometern geht es trotz Höhenverlust mehr als 1500 Meter nach oben. Bei der Wärme, der aufsteigenden Feuchtigkeit und der Angeschlagenheit wird das ein ganz schön harter Tag. Auf den ersten Kilometern sind die Menschen, denen wir begegnen, sehr zurückhaltend. Als wir dann aber die andere Seite des Hügels erreichen, wird uns wieder gewunken und freundlich gegrüsst. Wiederum ist die Landschaft begeisternd. Wir sehen in die Ferne, es ist grün und üppig. Doch alles in allem ist der heutige Tag ein Krampf. Die dünnen Bouillons der letzten Tage haben zwar dem Magen, nicht aber der Energie zugetragen.

Irgendwo auf einem Hügel finden wir ein kleines Lädeli. Dort gönnen wir uns kalte Getränke und eine Pause. Angegliedert an den Laden gibt es ein kleines Schneideratelier. Kurzentschlossen bringen wir ein Shirt vorbei, welches wir am Abend sowieso flicken wollten, und zackzack, nach wenigen Sekunden, ist es fachgerecht erledigt. Geilomat wie neu. In Xanil essen wir einen Zmittag und tanken Energie für die letzten Kilometer. Bei Saquil-Ulub erreichen wir dann die Kreuzung zu unserem Tagesziel. Nun heisst es huiiiiii – und eine schnelle Abfahrt bringt uns auf einer Strecke von knapp fünf Kilometern etwa 300 Höhenmeter in die Tiefe.

 

Für Agua Azul bezahlen wir zweimal Eintritt. Die Situation ist ziemlich transparent gestaltet. Wir halten beim ersten Schlagbaum und bezahlen das Ticket für die Zufahrt. Der Mann bedankt sich und informiert, dass ein zweiter Schlagbaum folgen wird. Das sei ganz normal und da werden wir dann wieder bezahlen müssen. Tatsächlich werden wir direkt wieder angehalten und bezahlen nun den Eintritt zum Gelände. Dass zweimal kassiert wird, handelt sich wohl um eine Unstimmigkeit verschiedener lokaler Gemeinschaften. Nach dem zweiten Schlagbaum – direkt in Sichtweite – wartet die Polizei und kontrolliert die Tickets. Zur Einordnung der Situation: Für die insgesamt vier Tickets haben wir weniger bezahlt als für einen Kaffee in der Schweiz. Ist also keine wilde Geschichte.

Das Hotel hatten wir vorgebucht. Es handelt sich um eine der Cabañas und hat einen richtig schlechten Ruf. Uns hat es aber gut gefallen und wir können die Kritik nicht nachvollziehen. Mike geht es zwischenzeitlich immer schlechter und er legt sich nach der Ankunft direkt ins Bett. Die nächsten Stunden verbringen wir mit Suppe, Reis und viel Schlaf.

 

 

Am nächsten Morgen geht es etwas besser und wir spazieren noch vor dem Frühstück zu den berühmten Wasserfällen. Die Cascadas de Agua Azul sind eines der bekanntesten Naturwunder im Bundesstaat Chiapas. Sie bestehen nicht aus einem einzigen Wasserfall, sondern aus einer langen Reihe von Kaskaden, die sich über Kalksteinterrassen erstrecken. Das Besondere an Agua Azul ist die intensive türkis-blaue Farbe des Wassers. Diese entsteht durch den hohen Gehalt an Kalk- und Mineralsalzen im Fluss. Während der Trockenzeit wirkt das Wasser besonders klar und blau. Nach starken Regenfällen kann es jedoch braun erscheinen, weil viel Sediment mitgeführt wird.

Wir haben Glück. Trotz Regenzeit ist das Wasser blaugrün. Die Wasserfälle sind von dichtem tropischem Regenwald umgeben. Entlang der Kaskaden gibt es Wanderwege, Aussichtspunkte, kleine Restaurants und Badestellen.

Insgesamt besuchen wir die Wasserfälle heute dreimal, jeweils zu unterschiedlichen Zeiten und Lichteinflüssen. Zwischendurch gibt es immer wieder etwas Schlaf und Ruhe für den Patienten, welcher sich langsam etwas erholt und sogar im kühlen Nass ein kleines Bad nimmt. War es in der Nacht noch unklar, ob wir aufgrund der Gesundheit weiterfahren können, haben wir nun entschieden: Wir fahren auch noch die letzten Kilometer bis Palenque.

 

 

Gesagt, getan. Nach zwei Nächten in Agua Azul schwingen wir uns ultrafrüh in die Räder und gehen die ersten dreihundert Höhenmeter an. Die Sonne schläft noch, wir fahren respektive schieben im Licht des Vollmonds. Nach knapp einer Stunde erreichen wir wieder Saquil-Ulub und somit unbekanntes Terrain.

Im Morgengrauen erwartet uns eine unbeschreiblich schöne und mystische Aussicht über die letzten Ausläufer der Hochebene. In der Ferne sehen wir die Berge, unter uns liegt Nebel. Wunderschön. Obwohl die Hochebene nun endlich mal mit einer Abfahrt locken sollte, schenkt uns die Strecke nichts. Mehr als die Hälfte des Tages schieben wir uns durch den Dschungel und hieven die Räder in die Höhe. Am Mittag dann erreichen wir wohl den höchsten Punkt und es geht runter. Einer riesigen Baustelle folgend teilen wir uns die Abfahrt mit Lastwagen und Baustellenfahrzeugen.

Dann endlich erreichen wir die letzte Kreuzung vor Palenque. Nach über 10'000 Höhenmetern und einem Umweg von ungefähr 700 Kilometern über die Hochebene von Chiapas erreichen wir beinahe wieder Meereshöhe. Schön wars! Wir setzen uns vor einen Fruchtladen, halbieren eine Wassermelone, hauen zünftig rein und freuen uns.

Danach folgt noch etwas staubige Piste und dann haben wir es endgültig geschafft. Am frühen Nachmittag können wir unsere Wohnung beziehen. Wir verlängern direkt den Aufenthalt und bleiben für eine Woche hier. Mike geht es besser. Spoiler: schon nach wenigen Tagen in Palenque ist er bereits wieder vollständig gesund und fit.

 

Die Tage in Palenque verlaufen ruhig. Wir schreiben Blog, wollen das eine oder andere reparieren, etwas an der Route planen, Fotos bearbeiten, fein kochen, was halt so ansteht.

An einem Tag besuchen wir die berühmte Ausgrabungsstätte. Wir fahren mit dem Colectivo bis zum Haupteingang, welcher sich etwa 3 Kilometer vor dem HauptHaupteingang befindet. Dort steigen wir aus und werden erstmal von einer Vielzahl von Guides aufgehalten und ungefragt beraten. Boah. Das mögen wir ja so gar nicht. Und in Mexico passiert das auch kaum. Halt nur dann, wenn es sehr viele Touristen hat. Und auch die Guides waren nicht alle aus der Gegend. Einige davon waren gestrandete Europäer oder US-Amerikaner.

Wir kaufen unsere Tickets am Schalter. Auch hier zweimal. Es ist ziemlich teuer. Und dann die Fahrt zum HauptHaupteingang – kostet auch gleich das fünffache wie das Colectivo vorhin. Einen Guide wollen wir nicht. Wir können uns nicht vorstellen, dass uns jemand hier mehr erklärt, als es Manuel in Toniná gemacht hat. Und: Einen Guide konnten wir uns auch nicht leisten. Es war so teuer, wir hatten gar nicht so viel Geld dabei.

Als wir dann den HauptHaupteingang erreichten, durften wir erneut ein paar Guides dankend ablehnen und danach ging es durch die Sicherheitskontrolle der Polizei. Auf der anderen Seite dann erreichen wir die Ausgrabungsstätte, es ist deutlich entspannter und wir können uns in Ruhe umsehen.

Mitten im tropischen Regenwald ragen die hellen Tempel aus dem satten Grün hervor, während aus allen Richtungen Vogelstimmen und das Zirpen der Insekten zu hören sind. Wir sind alleine unterwegs, die meisten Touristen schlafen wohl noch. Am Wegesrand werden von den Händlern Verkaufsstände aufgebaut.

Die Ruinen von Palenque waren der lokalen Bevölkerung nie vollständig unbekannt. Nachdem die Anlage Mitte des 18. Jahrhunderts von den Spaniern beschrieben worden war, fand sie auch in Europa Beachtung. Internationale Aufmerksamkeit erlangte sie jedoch erst im 19. Jahrhundert, als Entdecker und Zeichner die überwucherten Tempel dokumentierten und ihre Berichte um die Welt gingen.

Obwohl bereits zahlreiche Gebäude ausgegraben wurden, liegt ein grosser Teil der einstigen Stadt noch immer unter der dichten Vegetation verborgen. Von den schätzungsweise rund 1400 bekannten Bauwerken wurde bislang nur ein kleiner Teil erforscht. Das lässt erahnen, welche Bedeutung Palenque einst als eine der mächtigsten Städte der Maya hatte.

Wir schlendern über das Gelände, besteigen Bauwerk um Bauwerk. Von den verschiedenen Tempeln aus bietet sich ein sehr schöner Blick über die Anlage, den umliegenden Dschungel und die weite Ebene, die sich bis fast zum Meer erstreckt. Gerade diese Verbindung aus beeindruckender Maya-Architektur und üppiger Natur macht den besonderen Reiz von Palenque aus.

 

Auf dem Rückweg nimmt uns der gleiche Colectivofahrer mit, der uns bereits von der Stadt zum Haupteingang fuhr. Er fährt ins Zentrum, das passt uns ganz gut. Herzigerweise hält er sicherheitshalber bei der Kurve an, in der wir vor mehreren Stunden einstiegen und fragt nochmals nach, ob wir nicht raus möchten. So härzig, wie sich die Leute kümmern. Wir wollen aber nicht raus, wir wollen ins Zentrum. Da angekommen gibt es einen feinen Zmittag, eine grosse Limonade und anschliessend schlendern wir durch das Städtchen Palenque. Zu Fuss spazieren wir danach zurück in unsere Wohnung, welche etwas ausserhalb in einer familiären Gegend liegt.

 

Den Rest der Woche lassen wir weiterhin ruhig angehen und leben in den Tag hinein. Schön, dass das wieder möglich ist.

 

***

 

Following Highway 199, we leave Ocosingo behind. During the first few hundred meters, we keep stopping because there are so many beautiful VW Beetles that simply have to be photographed. Mike has been feeling under the weather for a few days. That burger back in Comitán de Domínguez was probably not a great idea. Soup and plenty of sleep over the last few days have helped, but not enough. We probably should have stayed one more day. Hindsight is always twenty-twenty.

Over today's roughly sixty kilometers, we climb more than 1,500 meters despite the overall loss in elevation. With the heat, the rising humidity, and Mike's condition, it is going to be a very tough day. During the first few kilometers, the people we meet are quite reserved. But once we reach the other side of the hill, people start waving and greeting us warmly again. Once more, the landscape is stunning. We can see far into the distance; everything is green and lush. Yet overall, today's ride is a struggle. The thin broths of the last few days may have helped the stomach, but they certainly did not replenish our energy.

Somewhere on a hill, we find a small shop. We treat ourselves to cold drinks and a break. Attached to the store is a tiny tailoring workshop. On a whim, we drop off a shirt that we had planned to repair ourselves that evening, and within seconds it is professionally fixed. Fantastic—good as new. In Xanil, we stop for lunch and recharge for the final kilometers. At Saquil-Ulub, we reach the junction leading to our destination for the day. Now it's time for wheeeee! A fast descent drops us about 300 vertical meters over a distance of just under five kilometers.

At Agua Azul, we have to pay admission twice. The situation is actually explained quite transparently. We stop at the first barrier and pay for access to the road. The man thanks us and informs us that there will be a second barrier ahead. That's perfectly normal, he says, and we'll have to pay again there. Sure enough, we are stopped once more and now pay the entrance fee for the site itself. The double charge is apparently due to a disagreement between different local communities. Right after the second barrier—in direct sight of it—the police check the tickets. To put things into perspective: for all four tickets combined, we paid less than a coffee would cost in Switzerland. So it's really not a big deal.

We had booked our hotel in advance. It is one of the local cabañas and has a rather poor reputation. We actually liked it, though, and couldn't really understand the criticism. By this point, Mike is feeling worse and goes straight to bed upon arrival. The next few hours are spent with soup, rice, and lots of sleep.

The following morning, things are a little better, and before breakfast we walk to the famous waterfalls. The Cascadas de Agua Azul are one of the most famous natural wonders in the state of Chiapas. They do not consist of a single waterfall but rather a long series of cascades flowing over limestone terraces. What makes Agua Azul special is the intense turquoise-blue color of the water. This is caused by the high concentration of limestone and mineral salts in the river. During the dry season, the water appears especially clear and blue. After heavy rainfall, however, it can turn brown due to the large amount of sediment carried downstream.

We are lucky. Despite it being the rainy season, the water is a beautiful blue-green. The waterfalls are surrounded by dense tropical rainforest. Along the cascades, there are hiking trails, viewpoints, small restaurants, and swimming areas.

We end up visiting the waterfalls three times throughout the day, each time under different lighting conditions. In between, there is plenty of rest and sleep for the patient, who slowly begins to recover and even takes a refreshing dip in the cool water. While it was still unclear during the night whether we would be able to continue because of his health, we have now made our decision: we are going to ride the remaining kilometers all the way to Palenque.

No sooner said than done. After two nights in Agua Azul, we get on our bikes very early and tackle the first 300 meters of climbing. The sun is still asleep; we ride—or rather push our bikes—under the light of the full moon. After just under an hour, we reach Saquil-Ulub again and thus enter unknown territory.

At dawn, we are rewarded with an indescribably beautiful and mystical view across the final foothills of the highlands. In the distance, we can see the mountains; below us lies a sea of mist. Absolutely stunning. Although the plateau should finally be offering us a descent, the route gives us nothing for free. For more than half the day, we push our way through the jungle and haul our bikes uphill. Around midday, we finally reach what is probably the highest point, and from there it is downhill. Following a huge construction site, we share the descent with trucks and heavy machinery.

At last, we reach the final junction before Palenque. After more than 10,000 meters of climbing and a detour of roughly 700 kilometers across the Chiapas highlands, we are almost back at sea level. It was wonderful! We sit down in front of a fruit stand, split a watermelon in half, devour it enthusiastically, and celebrate.

After that, there is a bit more dusty dirt road, and then we have finally made it. Early in the afternoon, we move into our apartment. We immediately extend our stay and decide to remain here for a full week. Mike is feeling better. Spoiler alert: after only a few days in Palenque, he is completely healthy and fit again.

Our days in Palenque are peaceful. We write blog posts, repair a few things, plan parts of our route, edit photos, cook good meals—just the usual things that need doing.

One day, we visit the famous archaeological site. We take a colectivo to the main entrance, which is actually located about three kilometers before the actual main entrance. There, we are immediately intercepted by numerous guides offering unsolicited advice. Ugh. We really do not enjoy that. In Mexico, this hardly ever happens—except in places with lots of tourists. Not all of the guides were local, either. Some were stranded Europeans or Americans.

We buy our tickets at the ticket counter. Here too, we have to pay twice. It is quite expensive. Then there is the shuttle ride to the actual entrance—which costs five times as much as the colectivo ride we just took. We do not want a guide. We cannot imagine anyone explaining more than Manuel did in Toniná. And besides, we couldn't have afforded one anyway. The place was so expensive that we hadn't even brought enough cash.

Once we finally reach the actual entrance, we politely decline a few more guides and then pass through a police security checkpoint. On the other side lies the archaeological site itself. Things are much more relaxed there, and we can explore at our own pace.

In the middle of the tropical rainforest, bright temples rise from the lush greenery, while birdsong and the chirping of insects fill the air from every direction. We are almost alone; most tourists are probably still asleep. Along the paths, vendors are setting up their market stalls.

The ruins of Palenque were never completely forgotten by the local population. After the site was described by the Spanish in the mid-18th century, it also attracted attention in Europe. However, it was not until the 19th century, when explorers and artists documented the overgrown temples and their reports spread around the world, that Palenque gained international recognition.

Although many structures have already been excavated, a large portion of the ancient city still lies hidden beneath dense vegetation. Of the estimated 1,400 known structures, only a small fraction has been studied so far. This gives an idea of the importance Palenque once held as one of the most powerful Maya cities.

We stroll through the site, climbing structure after structure. From the various temples, there are magnificent views over the ruins, the surrounding jungle, and the vast plains stretching almost all the way to the sea. It is precisely this combination of impressive Maya architecture and abundant nature that gives Palenque its unique charm.

On the way back, the same colectivo driver who brought us from town to the entrance picks us up again. He is heading toward the center, which suits us perfectly. Thoughtfully, he even stops at the curve where we had boarded several hours earlier and asks if we would like to get out there. It is so endearing how caring people are. But no, we want to continue to the town center. Once there, we enjoy a delicious lunch and a large lemonade before wandering through the streets of Palenque. Later, we walk back to our apartment, which is located slightly outside the center in a quiet, family-oriented neighborhood.

For the rest of the week, we continue taking things easy and simply live from day to day. It is wonderful to be able to do that again.

 

 
 
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