Km 36855_Lamanai
- 29. Juli
- 10 Min. Lesezeit

Irgendwann wird dann aber doch noch morgen. Zum Frühstück gehen wir nochmals ins Restaurant um die Ecke, stehen danach geputzt und gestrählt um halb neun vor unserer Unterkunft und warten auf Amir. Er macht seit seinem fünfzehnten Lebensjahr Touren zu den Maya-Ruinen von Lamanai und ist bekannt für sein tiefes Wissen über die Maya-Kultur, die heimische Tierwelt und die Geschichte der Region. Geilomat. Und Amir holt uns nun pünktlich mit seinem PickUp vor der Unterkunft ab. Wir dürfen hinten auf der Ladefläche sitzen - und ab geht die wilde Fahrt. Unterwegs holen wir noch eine französische Familie ab und danach fahren wir in das rund acht Kilometer entfernte Tower Hill an einem See namens 'Joe's Cool Pool'. Hier steigen wir in eine Lancha, überqueren den Teich und holen dort direkt am Hotelsteg noch zwei Amerikanerinnen ab. Nun ist die Reisegruppe komplett und die Tour geht los.
Die Bootsfahrt von Tower Hill nach Lamanai führt tief hinein in eine der ursprünglichsten Landschaften Nordbelizes. Schon kurz nach dem Ablegen verschwindet die Zivilisation hinter dem dichten Grün des Regenwaldes. Die Landschaft verändert sich ständig: Mal gleitet das Boot an schmalen, von Pflanzen überwucherten Flussarmen vorbei, mal öffnet sich der Blick auf weite Wasserflächen und ruhige Lagunen. Am Ufer spiegeln sich die Baumriesen im klaren Wasser, blühende Seerosen treiben vorbei, und die Luft ist erfüllt vom Duft feuchter Erde, süssem Flusswasser, tropischer Blüten und warmem Dickicht. Mäanderartig schlängelt sich der Fluss durch den Dschungel. Amir führt das Boot sicher durch die verschlungenen und teilweise kaum erkennbaren Nebenflüsse.
Über den Baumwipfeln kreisen Vögel, während Reiher regungslos am Ufer stehen und auf ihre Beute warten. Ein lautes Platschen verrät: Hier hat sich gerade in Krokodil vor uns versteckt. Kurze Zeit später herrscht Aufregung. Wir sehen Manatis. Die Seekühe ernähren sich von Wasserpflanzen und verbringen einen Grossteil ihres Tages mit Fressen und Ruhen. Trotz ihrer Grösse sind die friedlichen und langsamen Tiere nur sehr selten zu sehen. Sogar ein Junges ist dabei - was für ein Glück wir doch haben. Und wenige Sekunden später sind die Tiere wieder abgetaucht, verschluckt vom Seegras sind sie für uns nicht mehr zu sehen.
Zu unserer Rechten passieren wir den Ort Shipyard, eine der bekanntesten Mennoniten-Siedlungen in Belize. Sie wurde 1958 von Angehörigen der konservativen Old Colony Mennonites gegründet, die aus den mexikanischen Bundesstaaten Chihuahua und Durango eingewandert waren. Der Ort hat heute rund 4000 Einwohner und ist damit die grösste traditionelle Mennonitenkolonie in Belize. Viele Bewohner sprechen im Alltag Plautdietsch, aber auch Spanisch und Englisch sind verbreitet. Die Gemeinschaft ist für ihre konservative Lebensweise bekannt. In vielen Teilen der Kolonie werden noch Pferdewagen als Verkehrsmittel eingesetzt. Wir lernen, dass neuerdings auch motorisierte Baufahrzeuge erlaubt sind. Dies jedoch nur, wenn die Pneu von den Rädern demontiert sind und ein «Reifen» aus Stahl direkt auf dem Boden rollt.
Grundsätzlich ist bei den Mennoniten die Landwirtschaft der wichtigste Erwerbszweig. Angebaut werden unter anderem Mais, Bohnen, Gemüse und Obst. Ausserdem sind viele Bewohner als Schreiner, Mechaniker oder in der Viehzucht tätig. Die Mennoniten leisten einen bedeutenden Beitrag zur Lebensmittelproduktion in Belize. In Shipyard werden zudem grosse Boote hergestellt, welche zum Warentransport auf die verschiedensten Inseln im karibischen Meer genutzt werden. Amir erzählt uns, dass das Schiff welches gerade gebaut wird von der Firma Coca-Cola in Auftrag gegeben wurde.
Nach etwas über eineinhalbstündiger Fahrt wird der Fluss breiter und in der Ferne ist der Bootssteg von Lamanai zu sehen. Seit wenigen Tagen arbeiten Archäologen an der weiteren Freilegung der hier überwucherten Sugar Mill aus den Jahren um 1850. Die beiden Amerikanerinnen die zu Beginn der Bootsfahrt zustiegen, sind die Ehefrauen zweier Archäologen. Und so kommt es, dass wir einen vertieften Einblick in die Arbeit bekommen. Klingt super spannend, war aber eher nervig. Die Gruppe Südstaatler haben sämtliche MAGA in a Nutshell Klischees erfüllt und es war für uns eher ein geduldiges Abwarten, bis die tatsächliche Tour von Amir begann. Dieser wurde dann fleissig von den Frauen ergänzt und verbessert, was ziemlich an unseren Geduldsfäden kratzte. Mit der Zeit waren dann die Ohren so geschärft, dass man das Quietschen rausfiltern und nur noch dem kompetenten Guide zuhören konnte.
Wir starten den offiziellen Teil der Tour am Jaguar-Tempel. Seinen Namen verdankt er den beiden markanten Jaguarköpfen, die den unteren Bereich der Haupttreppe schmücken. Der Tempel wurde ursprünglich im 6. Jahrhundert errichtet und im Laufe der Jahrhunderte mehrfach erweitert und umgebaut. Als die Europäer Lamanai entdeckten, war der Jaguar-Tempel unter zwei später errichteten Tempeln verborgen. Diese wurden jedoch bei frühen Ausgrabungen zerstört, da die Archäologen den Einsatz von Dynamit unterschätzten. Der Jaguar spielte in der Maya-Kultur eine bedeutende symbolische Rolle. Man glaubte, dass er zwischen der Welt der Lebenden und der Geisterwelt wandern konnte. Er stand für Macht, Stärke und die Unterwelt und wurde häufig mit Herrschern sowie göttlichen Kräften in Verbindung gebracht.
Anschliessend erreichen wir den Königskomplex, das politische und administrative Zentrum der Maya-Stadt. Hier lebten vermutlich die Herrscherfamilie sowie hochrangige Adelige und Priester. Gleichzeitig fanden an diesem Ort wichtige Regierungs- und Zeremonialveranstaltungen statt. Der Komplex besteht aus mehreren Gebäuden, Innenhöfen und Wohnbereichen, die sich um offene Plätze gruppieren. Amir erzählt uns von der Musik und der Instrumente der Maya und zieht uns mit seinen Geschichten in eine zum Glück noch nicht vergessene Zeit.
Amir erklärt uns viel über die Pflanzen, die Tierwelt und das Leben der Maya. In Zweiergesprächen räumt er mit zahlreichen Missverständnissen auf und erklärt, wie die heute genannten Maya und damals zweiunddreissig voneinander unabhängigen Volksgruppen, lebten. Er erzählt von Übersetzungsfehlern und dass beispielsweise das Wort Maya vom spanischen Wort Maiz kommen soll. Oder, dass der Begriff Yucatán eine Ableitung vom indigenen Ausdruck Weissichnicht war. Während wir die beeindruckenden Bauwerke bestaunen und Amirs Erzählungen lauschen, hallt das markante Gebrüll der Brüllaffen durch den Urwald. Die Tiere befinden sich ganz in unserer Nähe und geben alles. Ihr tiefes Dröhnen erfüllt die Baumkronen und schafft eine einzigartige, beinahe mystische, bitzeli Gänsehaut verursachende Atmosphäre.
Vor uns erhebt sich der Hohe Tempel, mit dreiunddreissig Metern das höchste Bauwerk von Lamanai. Von seiner Spitze reicht der Blick weit über den Dschungel bis zur New River Lagoon. Der erste Bauabschnitt entstand bereits um 100 v. Chr. und gehört damit zu den ältesten monumentalen Tempelbauten der Maya. Im Laufe der Jahrhunderte wurde die Pyramide mehrfach erweitert. Seine Höhe symbolisierte die Verbindung zwischen der Erde und den Göttern.
Den Abschluss unserer Tour bildet der Maskentempel, eines der bekanntesten Bauwerke von Lamanai. Berühmt ist der Tempel für seine über vier Meter hohen Kalksteinmasken, die den Treppenaufgang flankieren. Die Gesichtszüge weisen deutliche Einflüsse der Olmeken auf, während der Kopfschmuck ein Krokodil darstellt. Im Inneren des Tempels entdeckten Archäologen Gräber mit wertvollen Beigaben aus Jade und Muscheln, die vermutlich hochrangigen Maya-Herrschern gehörten. Gemeinsam mit dem High Temple und dem Jaguar-Tempel zählt der Maskentempel zu den drei Hauptattraktionen von Lamanai und gehört zu den besterhaltenen Maya-Bauwerken Belizes.
Zurück beim Steg angekommen gibt es Mittagessen. Dafür packt Amir ein paar Tupperwaredosen aus Kühlkisten und wir kriegen ein kleines aber sehr gelungenes Buffet präsentiert. Die begabte Köchin ist Amirs Ehefrau. Mit vollem Magen, zufrieden aber auch etwas erschlagen setzen wir uns wieder ins Boot und werden von Amir zurückgefahren. Sind uns auf der rund vierzig Kilometer langen Hinfahrt noch drei Fischer begegnet, sehen wir auf der Rückfahrt keine Menschenseele. Auf dem Pick-up sitzend lassen wir uns nach einer guten Stunde am späteren Nachmittag wieder zurück in unsere Unterkunft fahren. Was für ein schöner und unvergesslicher Tag.
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That will eventually become tomorrow after all. For breakfast, we head back to the little restaurant around the corner one last time. Afterwards, freshly showered and looking presentable, we stand outside our accommodation at half past eight, waiting for Amir. He has been leading tours to the Maya ruins of Lamanai since he was fifteen years old and is renowned for his extensive knowledge of Maya culture, the local wildlife, and the history of the region. Awesome. Right on time, Amir pulls up in his pickup truck. We get to ride in the back, perched on the truck bed—and off we go on a wonderfully bumpy adventure.
Along the way, we pick up a French family before continuing to the small settlement of Tower Hill, about eight kilometres away, where we arrive at a lakeside spot called Joe's Cool Pool. There, we board a lancha, cross the lagoon, and collect two American women waiting for us at a hotel pier on the opposite shore. With that, our group is complete, and the tour officially begins.
The boat ride from Tower Hill to Lamanai takes us deep into one of the most pristine landscapes in northern Belize. Shortly after casting off, all traces of civilisation disappear behind the dense greenery of the rainforest. The scenery changes constantly: one moment we glide past narrow, vegetation-choked river channels, the next the view opens onto broad stretches of water and peaceful lagoons. Towering trees reflect in the clear water, blooming water lilies drift past, and the air is filled with the scent of damp earth, sweet river water, tropical blossoms, and the warm fragrance of the jungle. The river winds its way through the rainforest in endless meanders, while Amir expertly navigates the boat through twisting side channels that are sometimes barely visible.
Birds circle high above the treetops while herons stand perfectly still along the banks, patiently waiting for their next meal. Suddenly, a loud splash reveals that a crocodile has just slipped into the water ahead of us. Not long afterwards, excitement ripples through the boat—we spot manatees. These gentle sea cows feed on aquatic plants and spend most of their day grazing and resting. Despite their impressive size, they are rarely seen. Even better, there is a calf with them. What incredible luck. Just seconds later, they disappear beneath the surface again, swallowed by the seagrass and gone from sight.
On our right, we pass Shipyard, one of the best-known Mennonite settlements in Belize. It was founded in 1958 by members of the conservative Old Colony Mennonites who had migrated from the Mexican states of Chihuahua and Durango. Today, the settlement is home to around 4,000 people, making it the largest traditional Mennonite colony in Belize. Many residents still speak Plautdietsch in everyday life, although Spanish and English are also widely spoken.
The community is known for its conservative lifestyle. In many parts of the colony, horse-drawn buggies remain the primary means of transport. Amir explains that motorised construction vehicles have only recently been permitted—but with one unusual condition: the rubber tyres must be removed, leaving only steel wheels rolling directly on the ground.
Agriculture remains the backbone of the Mennonite economy. They grow corn, beans, vegetables, and fruit, while many residents also work as carpenters, mechanics, or livestock farmers. The Mennonites make a significant contribution to Belize's food production. Shipyard is also famous for building large cargo boats that transport goods to islands throughout the Caribbean. Amir points to one currently under construction and tells us it has been commissioned by Coca-Cola.
After just over an hour and a half on the river, the waterway widens, and in the distance we can make out the pier at Lamanai. Archaeologists have recently resumed excavations at the overgrown sugar mill dating back to around 1850. As it turns out, the two American women who joined us earlier are married to two of those archaeologists. That gives us an unexpectedly detailed glimpse into their work. It sounds fascinating—and it certainly could have been—but in reality it becomes rather exhausting. The pair embody just about every "MAGA in a nutshell" stereotype imaginable, and we spend what feels like an eternity waiting for Amir's actual tour to begin. Once it finally does, they constantly interrupt him with additions and corrections, testing our patience. Eventually, however, we become remarkably skilled at tuning out the squeaky commentary and simply listening to our knowledgeable guide.
The official tour begins at the Jaguar Temple. It owes its name to the two striking jaguar heads decorating the lower section of the main staircase. The original structure was built in the sixth century and expanded several times over the centuries. By the time Europeans first encountered Lamanai, the Jaguar Temple had been buried beneath two later temples. Unfortunately, those structures were destroyed during early excavations when archaeologists underestimated the effects of dynamite. In Maya culture, the jaguar held immense symbolic significance. It was believed to move freely between the world of the living and the spirit world, representing power, strength, and the underworld, and was closely associated with rulers and divine forces.
We then continue to the King's Complex, once the political and administrative heart of the Maya city. This was most likely home to the ruling family, high-ranking nobles, and priests, while important governmental and ceremonial events also took place here. The complex consists of several buildings, courtyards, and residential areas arranged around open plazas. Amir tells us about Maya music and musical instruments, transporting us through his stories into a world that, thankfully, has not yet been forgotten.
Throughout the walk, Amir shares fascinating insights into the plants, wildlife, and everyday life of the Maya. In small conversations, he clears up countless misconceptions and explains how the people we now collectively call the Maya actually consisted of thirty-two independent ethnic groups. He tells us about translation errors, suggesting, for example, that the word "Maya" may have originated from the Spanish word maíz for corn. He also explains that the name "Yucatán" supposedly derives from an Indigenous expression meaning "I don't know." As we admire the remarkable ruins and listen to Amir's stories, the unmistakable roar of howler monkeys echoes through the jungle. The animals are somewhere very close, giving it everything they've got. Their deep, resonant calls roll through the canopy, creating a unique, almost mystical atmosphere that sends a slight shiver down our spines.
Ahead of us rises the High Temple, the tallest structure in Lamanai at thirty-three metres. From its summit, the view stretches across the endless jungle to the New River Lagoon. Construction of the first phase began around 100 BC, making it one of the oldest monumental Maya temples. Over the centuries, the pyramid was expanded several times, its imposing height symbolising the connection between the earth and the gods.
Our final stop is the Mask Temple, one of Lamanai's most iconic buildings. It is famous for the two limestone masks, each more than four metres high, flanking the central staircase. Their facial features clearly show Olmec influence, while the elaborate headdresses depict crocodiles. Inside the temple, archaeologists uncovered tombs containing valuable jade and shell offerings, believed to have belonged to high-ranking Maya rulers. Together with the High Temple and the Jaguar Temple, the Mask Temple ranks among Lamanai's three main attractions and is one of the best-preserved Maya monuments in Belize.
Back at the pier, it's time for lunch. Amir opens several Tupperware containers from his coolers and lays out a small but wonderfully prepared buffet. The talented cook behind it all is his wife. Full, content, and slightly overwhelmed by everything we've experienced, we climb back into the boat for the return journey.
On the forty-kilometre trip upriver that morning, we had passed just three fishermen. On the way back, we don't see another soul. Sitting once again in the back of Amir's pickup, we return to our accommodation in the late afternoon after about an hour on the road. What an unforgettable day.

