Km 7140 - Km 7417_Baku - Lenkoran


Das Hostel war super und lag mitten in der Altstadt. Zuerst haben wir es zwar fast nicht gefunden - das Quartier wird umgebaut, aber mit Hilfe der Anwohner finden wir dann das enge Seitensträsschen doch noch. Das Gässchen ist genau so breit wie unsere Räder und führt bergauf. Um die ultimative Herausforderung für die Pédaleurs zu gewährleisten, gibt es auch noch ein paar Treppenstufen. Aber die Mühe lohnt sich. Im Hostel angekommen werden wir herzlich von der Besitzerin und deren Eltern begrüsst. Der Schlag liegt im ersten Stock. Wir beginnen also mit dem Abladen der Räder, als der Papa der Besitzerin sich ein Herz fasst. Wir dürfen in einem Raum im Erdgeschoss übernachten. In einem grossen Doppelzimmer. Mit Bad, Waschmaschine und Küche. Supersuper. Wir fühlen uns sehr wohl und geniessen den Luxus des Alleinseins. Als wir morgens aufstehen, bringt uns die Mama das Frühstück - Brot, Tee und Kuchen - auf einem Tablett ins Zimmer. Ein super Start in den Tag.

Wir wollen heute ein paar Sachen erledigen. Dafür brauchen wir die Metro. Das System des Billetkaufs ist nicht nur uns ein Rätsel. Wir stehen ein paar Sekunden so da und beobachten das Drängeln, Schubsen und Wuseln der Menschenmassen. Ein junger Mann bietet uns direkt an, den Ticketkauf für uns zu organisieren. Wir nehmen das Angebot dankbar an. Die Hilfe ist dringend nötig. Der Herr braucht einige Minuten, geht von Schalter zu Schalter, drückt auf den Automaten und lässt Münz in den anderen fallen. Hin und her. Er beginnt bereits zu schwitzen und seine Hände zittern leicht. Auch für ihn ist der Billetkauf wohl eine Herausforderung. Nach einigen Minuten ist es geschafft. Der Mann führt uns zum Drehkreuz, und lässt uns durchgehen. Ein Ticket haben wir nicht bekommen, aber der Held hat für uns bezahlt. Fabelhaft. Dankeschön.

Unser Ziel ist der Fahrradladen 2teker. Hier kaufen wir zünftig ein. Es gibt ein neues Lenkerband für Cynthia, für jeden Pédaleur ein Glöggli sowie anderen Krimskrams für die Räder.

Auf dem Rückweg kommen wir an einem Kiosk vorbei. Hier steht, dass man Tickets für die Metro kaufen kann. Unsere Chance. Wir stehen also an und ordern zwei Billete. Gar nicht so einfach wie es scheint. Eine junge Frau bietet sich als Übersetzerin an. Wir wollen einfach ein Ticket für drei Stationen. Hmm. Das kriegt man hier am Kiosk nicht. Die Dame begleitet uns bis zur Metro, kauft uns unter ähnlichen Mühen wie der Mann zuvor ein Ticket und erklärt uns, wie wir das das nächste Mal selber machen können. Fingercross, dass es soweit nicht kommen wird.

Es ist schon unglaublich herzig, wie wildfremde Menschen auf uns zu kommen und uns alles erklären, sich Zeit nehmen und so grosszügig sind. Wir sind total gerührt. Oder sehen wir so verloren aus? Wer weiss...

Zurück im Hostel werden erstmal die Velos wieder startklar gemacht. Wir machen das wie immer: Mike übernimmt den handwerklichen Part, während Cynthia für die Unterhaltung des Handwerkers zuständig ist. Die Lenkerbänder sitzen passgenau an ihrem Ort und die neuen Glöggli machen tschringgalingtschringgaling wenn man daran zieht. Die alten Glocken - ping von Cynthia und doing von Mike haben wir auch noch dran gelassen. So werden wir die nächsten paar Kilometer ein fröhliches Konzert veranstalten. Öppe so: doing-tschringgaling-ping-ping-tschringgaling-tschringgaling-doing-ping. Da lacht das Pédaleursherz.

Im Verlauf des Tages gönnen wir uns auch noch ein feines Mittagessen am Meer und ein einen Bummel durch die Stadt. Baku ist eine schöne und auch sehr gepflegte Stadt. Die Strassen im Zentrum erinnern mit dem Angebot an die Bahnhofstrasse in Zürich. Also eigentlich ist es wie zuhause. Und das ist es, was uns irgendwie nicht so gefällt. Die Stadt wirkt hin geklatscht. Ohne Geschichte, ohne Gefühl. Alles wirkt neu. Sogar das alte. Es ist eigentlich schon schön, aber einfach nicht das Azerbaijan, das wir kennengelernt haben. Wir fühlen uns, als wäre unsere Reise zu Ende. Als hätten wir das Flugzeug genommen und sind mitten in Zürich gelandet. Das fühlt sich noch nicht richtig an. So verbringen wir auch nicht viel Zeit in der Stadt, sondern ziehen uns in unser Hostel zurück.

Heute siedeln wir vom Hostel ins Hotel. Die Übernachtung mussten wir buchen, um unsere Visa zu erhalten. Wir sind gespannt, was uns erwartet. Es ist toll. Es hat eine Badewanne, saubere und passende Bettwäsche - normalerweise ist hier das Laken kleiner als die Matratze - und einen grossen Balkon. Uns gefällt es sehr gut.

Auf der Strasse spricht uns eine junge Frau an. Da wir die Räder wegen des Umzuges dabei haben, weiss sie, dass wir on tour sind. Sie bietet uns an, mal in ihrem Laden vorbei zu schauen. 2teker heisst der. Hahaha. So eine grosse Stadt und doch so klein. Als Mike dann ihr Visitenkärtli aus seinem Portemonnaie zieht, ist sie sichtlich stolz.

Wir brauchen noch ein paar Dollars für den Iran. Und so suchen wir die Bank und geben unsere Bestellung auf. Zuerst folgt die Passkontrolle. Dann die Visakontrolle. Dann dauert und dauert und dauert es. Dann kommt ein Herr mit einem grossen Bündeli kleinen Dollarscheinen und zählt es vor uns und vor allen anderen Menschen in der Bank ab. Danach gibt es das Bündeli lose in die Hand. Diskretion? Hier nicht.

Endlich geht es weiter. Nach drei Nächten in Baku können wir es kaum erwarten wieder in die Pedale zu steigen. Das macht uns Freude, das ist unser Ding. Nach einem super Frühstück - sogar ein Rührei hats gegeben - packen wir alles zusammen. Der Rezeptionist hat seine Freude an uns und schenkt uns zum Abschied sogar noch ein Souvenir seiner Stadt. Wir sind gerührt. Der Abschied von Baku ist leicht. Wir passieren einen kleinen Hügel und schon liegt die Stadt hinter uns.

Den ganzen Tag über folgen wir der M3. Die Strasse ist schnurgerade, flach und wir haben Rückenwind. Soooo cool. Die ersten Kilometer führen durch die Ölindustrie. Wir werden wieder angehupt, angelacht, angewunken und willkommen geheissen. Wie viele Kilometer wir wohl bereits wegen dem Winken nur mit einer Hand gefahren sind? Einmal fährt ein Auto - mitten auf der Autobahn - langsam an uns heran und streckt uns ein Erfrischungsgetränk aus dem Fenster. Dankeschön.

Die Fahrt geht so leicht von sich, dass wir erst bei Kilometer Einhundert beschliessen, dass wir doch mal etwas kochen könnten. Und so kommt es. Wir machen uns in einem Bushäuschen ein paar Pasta mit Pilzsauce. Ab und zu bekommen wir Besuch, das sind wir uns schon gewohnt. Man kann während dutzenden von Kilometern alleine auf einer Strasse fahren, sobald man sich hinsetzt, kommt einer dahergelaufen. Ein Rätsel.

Obwohl es noch zwei Stunden dauert, bis die Sonne sich verabschiedet, haben wir beschlossen, uns ein Nachtlager zu suchen. Schnell ist ein Feldweg abseits der Autostrasse gefunden. Unser Zelt stellen wir - versteckt hinter einem Hügel und Büschen - auf einem unbenutzten Wendeplatz für Baufahrzeuge auf. Es ist richtig gemütlich. Nachts zieht ein Unwetter auf. Blitz und Donner sind gleichzeitig über unserem Zelt. Unser Zuhause ist dicht. Aber am nächsten Morgen... Oooh Mann. Der ganze staubige Boden hat sich in eine einzige Lehmgrube verwandelt. Alles ist dreckig, klumpig und wäh. Nach dem Packen schieben wir die Räder zu zweit durch den Morast. Phuu. Was Regen so alles anrichten kann.

Next Stop: Autowaschanlage. Von denen gibt es ja viele hier und so steuern wir den erstbesten Anbieter an. Nach dem zweiten Stromschlag gibt der Mann auf. Heute keine Waschanlage. Verschmutzt und verkrustet fahren wir ein paar Kilometer weiter. Zweiter Versuch. Ein netter Mann reinigt mit dem Hochdruckstrahl unsere Räder gründlich von oben bis unten. Die Zuschauerzahl wächst von eins auf acht. Jaja so ist das. Wo was los ist, sammeln sich die Massen.

Heute fahren wir achtzig Kilometer. Wiederum gerade aus. Der Wind ist uns nicht mehr so wohlgesonnen wie gestern und die Strasse hat auch etwas an Qualität abgegeben. Uns machts nichts aus. Wir radeln als Anführer und Schlusslichtli durch die Pampa. Fast vierzig Kilometer lang gibt es nichts. Nur flache Wiesen und unsere Strasse. Ach ja, und halt noch der andere Verkehr. Und die Hunde.

Am Nachmittag erreichen wir Bilasuvar. Hier nehmen wir uns ein Hotelzimmer. Während Mike die Fahrräder ablädt und verstaut, checkt Cynthia ein. Alles bestens, das Zimmer ist schon fast bezogen. Plötzlich wird sie gestoppt. Drei Männer telefonieren. Alle mit jemand anderem. Nummern werden getauscht, Cynthia muss warten. Warum auch immer. Die Männer diskutieren lautstark miteinander und mit ihren Geräten. Plötzlich hält ein Mann Cynthia das Handy ans Ohr.

Gedächtnisprotokoll:

Cynthia: "Hello?".

Männerstimme: "Hello."

Cynthia:

"Yes?"

Männerstimme: "I speak english."

Cynthia: "Ok"

Männerstimme: "Ok".

Längere Pause.

Cynthia: "Why am I talking to you?"

Männerstimme: "The Hotelcrew doesn´t speak english."

Cynthia: "Ok"

Männerstimme: "Ok".

Cynthia: "Is there a problem?"

Männerstimme: "I don´t know."

Cynthia: "Ah... ähm..."

Männerstimme: "Do you like the room?"

Cynthia: "Yes. Perfect."

Männerstimme: "Good. Bye".

Cynthia: "Byebye".

Das Telefon wird zurückgegeben, es wird noch etwas in Azerbaijanisch geplaudert und dann wandern ein paar Daumen in die Höhe und alle lächeln. Wir dürfen das Zimmer nun endgültig beziehen.

Heute führt der Weg, der M3 folgend, in Richtung Lenkoran. Die Strasse ist flach und wieder führt der meiste Weg gerade aus. Unzählige Provinzgrenzen haben wir hier in Azerbaijan überwunden. Alle paar Kilometer kommt ein imposanter Grenzstein, der uns die neue Provinz ankündigt. Eigendlich nicht nötig, denn anhand der Strassenverhältnisse ist ein Provinzwechsel leicht zu erkennen. Heute fällt es uns wieder besonders auf. Kaum haben wir die Grenze zu Masalli überquert lachen uns die Schlaglöcher an. Holterdipolter den ganzen Tag. Beim Mittagessen werden wir umzingelt. Zwölf Männer umkreisen uns und beobachten den Dönerverzehr.

Nach knapp neunzig Kilometer ist Lenkoran erreicht. Wir quartieren uns in einem sehr schönen Hotel ein und machen uns an die letzten Vorbereitungen für unsere Reise durch den Iran.

Wir planen, an die zwei Monate unterwegs zu sein. Wir fahren über Teheran, Isfahan und Shiraz nach Bandar Abbas. Von da aus wollen wir die Fähre nach Dubai nehmen. Gemäss verschiedener Quellen haben wir erfahren, dass soziale Netzwerke, Blogseiten und E-Mailaccounts teilweise in Iran nicht funktionieren. So rechnen wir damit, dass wir die nächsten Wochen keine Geschichten und Bilder posten können. Wir werden aber regelmässig schreiben und die Texte so bald wie möglich hier veröffentlichen.

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