Km 13439 – Km 13721_Agra – Pilibhit


Wir sind im Endspurt unserer Indienreise Part II. Zuerst fuhren wir von Agra über Etah nach Kasganj. Seit kurz vor Agra befinden wir uns in der Provinz Uttar Pradesh. Diese hiess uns übrigens kurz vor seiner Hauptstadt mit einem Nagel im Pneu willkommen. Uttar Pradesh ist der wohl Ärmste Bundestaat Indiens, den wir befahren haben. Es gibt kaum Häuser aus stabilen Materialien. Die Menschen tragen einfache Kleidung und mühen sich Gruppenweise mit kleinen Sägessen auf den Äckern ab, um das Bisschen Weizen zu sichern. Hier wird alles nochmals verwendet. Beispielsweise aus den Hinterlassenschaften der Kühe werden von fleissigen Frauen in Handarbeit tellergrosse Platten geformt und am Strassenrand getrocknet. Die getrockneten Kuhfladeplatten werden anschliessend spiralförmig gestapelt. Schlussendlich wird das Ganze noch mit den Fingern symetrisch so angedrückt, dass ansehnliche Muster entstehen. Wozu genau das Material gebraucht wird, wissen wir nicht. Vielleicht als Brennstoff, Dünger oder Baumaterial. Aber das Formen muss sich lohnen, denn wir haben entlang der Strasse hunderte dieser glockenförmigen Gebilde passiert. In Tundla werden wir von einem Herrn angehalten. Er spricht uns aus seinem Auto aus in sehr gutem Englisch an. Wo wir denn hinwollten und so will er wissen. Als wir die Route kurz erklären, warnt er uns davor, Etah zu fahren. Da sei es gefährlich. Er lädt uns ein, ihn in seinem Büro zu besuchen, damit er uns in Ruhe mehr erzählen kann. Gesagt getan. Wir fahren also zu seinem Büro und werden bereits erwartet. Genau sagen kann er uns nichts und auch sonst kann uns niemand erörtern, was genau für eine Gefahr da auf uns wartet. Komischerweise wurden wir nach unserer Verabschiedung noch einmal angehalten und gewarnt. Falls wir wirklich via Etah nach Kasganj wollten, dann sollten wir uns beeilen, nie anhalten und dieses gförchige Gebiet so schnell wie möglich passieren und verlassen. Hmmm. Wir überlegen kurz, ob wir umdrehen sollen - entscheiden dann aber, dass wir doch mal gucken wollen, was denn hier so auf uns lauert. Kurz vor dem Mittag erreichen wir die ominöse danger area. Die Menschen sind ausgesprochen nett. Und so halten wir sogar an und gönnen uns einen Snack. Eine zwanzigköpfige Männertraube versammelt sich um uns. Sind das die gruseligen Gestalten? Diese Alten und Kinder? Hmmm. Wir knabbern an unserem Snack und gucken die Herrschaften an. Sie halten mehr Abstand als wir uns das gewohnt sind und sind ganz sympathisch. Mike nickt dem ältesten von ihnen kurz zu - was in Indisch dem Ausruf "tretet näher, meine Herren. Es gibt viel zu sehen, zu staunen und zu erfahren" ähnelt. Und so wagt zuerst der Alte und innert kürzester Zeit auch sein gesamtes Gefolge die wenigen Schritte zu uns. Sie belagern die Räder, testen die Glöggelis, bewundern das GPS und sinnieren über die Gangschaltung. Kennen wir schon. Nach einem Lächeln und einem Winken brausen wir wieder davon. Auch auf dem weiteren Weg bis zum Höllentor Etah begegnet uns keine Gefahr. Die Menschen freuen sich, uns zu sehen. Die Strasse ist gut, der Verkehr angenehm. Wenn wir nun so zurückdenken, dann scheinen es die angenehmsten zwanzig Kilometer von Agra bis Nepal gewesen zu sein. Zugegeben. Im Dunkeln wollen wir hier auch nicht abhängen - Aber das wollen wir sowieso nirgends in Indien. Schlussendlich erreichen wir Etah wohlbehalten und fahren weiter nach Kasganj. Hier quartieren wir uns oberhalb einer Wedding Hall ein. Das Zimmer ist klassisch schmuddelig aber Ok. Wir sind ziemlich geschafft, denn die Warnungen haben uns den ganzen Tag über unnötigerweise in eine gewisse Anspannung versetzt. Und so bestellen wir zuerst ein Essen aufs Zimmer und versuchen anschliessend zu schlafen. Das klappt natürlich nicht, denn es klopft an der Tür. Immer und immer und immer und immer wieder poltert es an unserer Tür. Es scheint, als wollte die gesamte Hochzeitsgesellschaft mal in unser Zimmer gucken. Es nervt. Spät abends klopft es wieder. Mike öffnet wutentbrannt die Tür. Diesmal aber steht der Sohn des Besitzers vor der Tür. Er versteht unser Anliegen und bietet uns an, unser Gepäck im Zimmer zu lassen und in einem versteckten Zimmer, eine Etage weiter oben, zu nächtigen. Perfekt. Wir schlafen wie zwei Murmeltiere. Übrigens apropos Klopfen, Hotel und Endspurt Indien Part II. Das motiviert uns doch gleich, euch mal zu berichten, wie so ein alltäglicher Hotelaufenthalt auf dem Subkontinent aussieht. Zuerst mal guckt man sich so in der Ortschaft um und schreitet auf ein Gebäude zu, welches mit "Hotel" beschriftet ist. Man fragt nach Rooms, wird aber in sechs von zehn Fällen wieder weggeschickt. Der Besitzer guckt dich an, als seist du etwas plämpläm, dass du auf die Idee kommst, dass man hier nächtigen könnte. Ein Hotel ist nämlich noch lange kein Hotel. Ein Hotel ist ein Restaurant. Ein Restaurant ist auch ein Restaurant. Ein Restaurent kann ein Hotel oder ein Restaurant sein und ein Guesthouse ist ausschliesslich für Inder da. Phuu. Ned eifach. Kleiner Geheimtipp von uns: Stehen die Buchstaben AC/Non AC auf einem Schild vor einem grossen Haus, dann klopf an die Tür und frag nach einem Zimmer. Folgend von uns der meist erlebte Ablauf: Du hast es nun geschafft und eine Unterkunft gefunden. Nun schreitest du an die Rezeption, von der aus dich ein Dutzend Augen anstarrt. Der erste Schritt muss von dir ausgehen. Sonst läuft gar nichts. Halte einen Finger in die Luft und sage: "Do you have one room...", dann einen zweiten Finger hinzufügen "...for two people...", dann den zweiten Finger wieder verstecken "...for one night?" Meist folgt dann entweder ein Grunzen mit Chopfgewackele oder ein Eifriges Nicken. Beides bedeutet "Yes". "ID, ID" ist das erste, was du vom Rezeptionisten hörst. Wir sagen dann meistens ein allakzeptiertes Ok und fragen nach dem Preis. Dafür einfach den Zeigefinger und Daumen aneinander reiben. Eine Zahl wird genannt. Danach mit Zeige- und Mittelfinger auf deine Augen zeigen. Nun wirst du ins Zimmer geführt und entscheidest, ob du einchecken willst. Meistens willst du, denn du bist ja voll erschöpft. Aber egal. Danach kehrst du zu deinem Gspändli zurück, das draussen gewartet hat. Dieses ist aber nicht alleine, denn mittlerweile hat sich eine Gruppe von ungefähr zwanzig Inder darum versammelt. Sie stehen alle in einem mehr oder weniger angenehmen Abstand von knapp 20 Zentimetern um dein Gspändli herum und gucken. Keiner redet, keiner lacht, keiner murmelt. Es herrscht eine Grabesstille. Auch mal angenehm in diesem lauten Land. Wenn du dich nun zu deinem Fahrrad gekämpft hast, dann fängst du an, die Räder abzuladen. Oft stehen in Windeseile fünf Männer neben dir und greifen nach dem Gepäck. Keine Sorge, uns kam nie etwas abhanden. Irgendwo im oder ums Haus kannst du deine Räder sicher anketten. Wenn du in aller Öffentlichkeit noch ein Foto davon machst, kannst du Gift drauf nehmen, dass der Eigentümer alles daran setzt, dass die Velos morgen noch da sind. Während dein Gspändli beim Gepäckhochtragen hilft und die Träger mit einem Trinkgeld verdankt, machst du das Check-In. Und das geht so: Du grübelst den Pass hervor, welcher genau inspiziert wird. Daraufhin bekommst du bis zu ein bis zwei Formulare. Hier musst du die üblichen Angaben zu dir, deiner Arbeit und deiner Route eintragen. Öppe zwänzg Sache. Danach noch die gleichen Informationen für deine bessere Hälfte ausfüllen. Wenn du das geschafft hast, dann wird dir ein grooooosses Buch gereicht. Hier musst du von links nach rechts nochmals all deine Informationen eintragen, die du ja vorher schon zweimal geschrieben hast. Nun wird dir dein Pass entnommen. Entweder wird direkt jetzt eine Kopie gemacht, oder es heisst "Xerox, Xerox." Dies bedeutet, dass der Mann noch zum Xerox - gleichbedeutend wie Cannon, also gemeint ist ein Kopierladen - gehen muss, und du deinen Pass später bekommst. Kopiert wird meistens deine Frontseite des Passes und das Visa. Oftmals musste diese Prozedur bei uns zweimal vollzogen werden, da jeweils das Iranische anstelle des Indischen Visums kopiert wurde. Sobald die Kopie gemacht ist, musst du den Wisch noch unterschreiben und das Check-In ist geschafft. Congratulation, du hast nun Ruhe. Ähh... also doch noni ganz. Du bist nun auf deinem Zimmer und drückst auf den Boilerknopf - schliesslich weisst du nach wenigen Tagen in Indien, dass du ansonsten mit Eiswasser duschst. Dann ziehst du einen Schuh aus. Es klopft an der Tür. Du holperst aus deinem zweiten Schuh und öffnest. Das freundliche Personal bringt dir eine Flasche Wasser. Durchschnittlich bekommst du pro Abend drei bis fünfmal Besuch. Es gibt Wasser, es fehlt eine Unterschrift, du wirst um die Abendessbestellung gebeten oder - das war gestern - ein Mitarbeiter hat in deiner Schreibtischschublade seinen Lunch vergessen und muss den noch kurz holen. Die Hotelzimmer dienen oft als Mitarbeiterraum, wenn sie nicht besetzt sind. Keine Sorge also wegen den vielen Flecken auf dem Bettzeug - es handelt sich meistens um Speisereste vom Nachmittagssnack. Aber wir befinden uns ja immer noch auf der Strecke Agra - Nepal und sind ja eigentlich dabei, euch davon zu berichten. Also. Wir verlassen relativ früh unser Zimmer. Und wir sind ziemlich Teig. Cynthia hat gestern Abend schon gekränkelt und heute ist sie so richtig duren. Also starten wir nicht so pfiffig in den Tag, sondern lassen uns nur bis Budaun rollen. Auf dem Weg dahin werden wir jedoch geschluucht, als wäre es eine doppelt so lange Strecke. Heute sind die Menschen besonders aufdringlich. Keine zwei Kilometer können wir alleine Radeln. Immer und immer und überall haben wir Begleitung. Ständig rollen Scooter neben oder hinter uns. Die Jungs sprechen uns wenig an. Wenn, dann wollen sie meistens nur über unseren Zivilstand Bescheid wissen. Manchmal wollen sie auch ein Selfie. Die Begleitung zwischendurch kann ja spassig sein. Aber die ganze Zeit? Das ist ziemlich anstrengend. Pause machen geht auch nicht. Kaum setzt man sich hin, stoppt der erste Besucher. Es wird selten gesprochen. Nur geguckt. Innert kürzester Zeit gesellen sich jeweils fünf bis zehn weitere Inder zum Pionier. Alle stehen im Kreis und gucken. Keine Fragen, nichts. Nada. Auf Gesten von uns wird nicht reagiert. Scho komisch. Meistens beenden wir dann unsere Pause und fahren weiter. Budaun ist eine unglaublich, wirklich unglaublich laute Stadt. Wir hatten hier den mit Abstand lautesten Verkehrslärm in ganz Indien. Und das will ja mal was heissen. Läck bobi. Die Fahrzeuge haben hier sogar Huplautsprecher auf den Dächern montiert... Nach zwanzig Minuten Stadtfahrt sind wir figufertig und checken in dem Hotel ein, wo noch kurz der Döner aus der Schublade geholt werden musste. Das Hotel ist super, denn es hat nur ein klitzekleines Fenster. Es ist richtig schön ruhig und so verpfuusen wir Abend und Nacht. Das tat richtig, richtig gut. Heute feiern wir Burzeltag. Ein Jahr sind die Pédaleurs on Tour. Wir könnens kaum fassen, freuen uns riesig. Aber mit Feiern ist heute nicht viel. Mit frischem Mut aber immer noch Cynthias flauem Magen nehmen wir den heutigen Tag in Angriff. Es geht nach Pilibhit. Die Kuhfladenglocken werden von Ziegeleien abgelöst. Ansonsten ist die Landschaft weiterhin flach und weit. In ständiger Begleitung folgen wir der gut geteerten Strasse und gegen Mittag überqueren wir den heiligen Fluss Ganges. Kurz vor Bareilly kommen wir in einen Stau. Die Ursache ist unübersehbar. Da ist doch einem armen Kerli die Achse seines LKW gebrochen. Mitten auf dem Bahnübergang. Schiiissi. Heute spricht uns ein herzliches, junges Paar in fliessendem Englisch an. Es ist schön, sich mal wieder länger zu unterhalten. Ein Schwatz mit denen zwei entschädigt all das Herumgestarre und Zurückgegestele der letzten Tage. Nachdem es Pédaleurine Vormittags wieder ziemlich gut ging, holt sie nun eine üble Übelkeit ein. Ihr ist schlecht. Gegen Nachmittag erreichen wir endlich unser Tagesziel und sie rennt als erstes zur Toilette. Tschüss Zmittag. Mike ist mental vorbereitet und hat sich bereits ein abendliches Tröschti- und Betreuungsprogramm überlegt. Da rumort es in seinem Bauch. Gerade noch rechtzeitig schafft er es ins Badezimmer. Und so kötzeln wir im Verlauf des Abends abwechlungsweise vor uns hin. By the way: die Badezimmertür liess sich nicht schliessen. Ganz im Sinne von: Geteiltes Leid ist doppeltes Leid. Aber isch gliich, das gehört eben dazu. Und wir können schon heute wieder darüber lachen. Naja - unsere Einjahresparty bestand nun eher aus Süppli mit Iilag und Cola. Indien verabschiedet uns eben zünftig. [if !supportLineBreakNewLine] [endif]

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