Km 20114 - Km 20166_Singapur - Perth


Ja so sind wir nun da. In Australien. Down Under. Perth. Angekommen bei Rahel und Geoffrey. Hä? Aber das ist doch das Reiseziel der Pédaleurs. Ja – schon. Irgendwie. Aber irgendwie auch nicht. Wir haben beschlossen, direkt von Singapur nach Perth zu fliegen. Von hier aus werden wir in einigen Wochen in Richtung Osten aufbrechen. Immer dem Sonnenaufgang entgegen. Unser Ziel ist so quasi ein Zwischenziel. De Reschte isch Heiwäg. Aber erst mal von Anfang an.

Nachdem wir Singapur erreichten, fanden wir auch unser Hotel schnell. Ganz in der Nähe des National Stadiums, in der Geylang Area konnten wir uns für die kommenden Tage einquartieren. Gleich am ersten Abend machen wir uns auf in die Marina Bay. Hier gibt es eine riesige Shoppingmall, Designerboutiquen im Wasser, diverse Restaurants, das Riesenrad, das Marina Bay Sands, den Fluss und unglaublich viel mehr. Wir kommen aus dem Luegen nicht mehr usen und staunen ob den Bauten und vor allem auch ob den Menschen, die hier leben. Geschäftstüchtige, junge, attraktive Sportskanonen. Ob Hipster auf ihren Fixies, oder Bankangestellte joggend in neonfarbigen Sneakers. Alle schwitzen sie entlang der Fussgängerzone vor sich hin.

Am nächsten Tag machen wir uns vormittags auf an den Flughafen Changi. Der Flug und der Transport nach Australien muss organisiert werden. Aber bereits an der ersten Anlaufstelle – dem Informationsschalter der Singapore Airlines – blitzen wir ab. Keine Flüge im Verlauf der nächsten Woche. What? Hmmm. Ernüchtert und etwas frustriert zotteln wir wieder zurück in unser Hotel und prüfen die Fluglage online. Tatsächlich. Kein bezahlbarer Flug in Aussicht. So beschliessen wir, eine ganze Woche in Singapore zu bleiben und buchen einen verfügbaren Flug bei Qantas für den kommenden Montag.

Die nun geschenkte Zeit in der Grossstadt vergeht in Windeseile. Wir unternehmen so einiges. Besuchen die Gardens by the bay, flanieren durch Chinatown, schlemmen beim Thailänder um die Ecke und machen zwei Fahrradtouren. Diese sind fabelhaft. Ganz Singapur ist auf Fahrradfahrer ausgelegt. Es hat Velowege wo hin man will. So fahren wir einmal entlang dem Stadium zur Marina Bay. Auf dem Weg dahin entdecken wir zufälligerweise eine Ausstellungshalle von Shimano. Wir gehen natürlich gleich rein und lernen so die bezaubernde Janet kennen. Sie führt uns herum, zeigt uns das älteste Fahrrad der Welt, macht Fotos mit uns und gibt tolle Tipps für die kommenden Tage. Einer dieser Tipps ist es, entlang des Strandes zum Airport und anschliessend in Richtung Norden zu pedalieren. Dieses Abenteuer starten wir an unserem vierten Tag. Die Strecke ist traumhaft. Ganze fünfzig Kilometer können wir den gut ausgeschilderten Fahrradwegen folgen. Wir pedalieren entlang grosser Grünflächen, beobachten riesige Containerschiffe die etwas abseits des Strandes pausieren, geniessen einen Imbiss am Strand und inhalieren die saubere und frische Luft.

An einem anderen Tag steht ein weiteres Highlight bevor. Wir gehen ins Kino. Judihui. Schon viel zu lange sassen wir nicht mehr vor der überdimensionalen Leinwand, die einem so richtig super in eine andere Welt absorbiert. Ja, wir sind auf Reisen und ja wir sind eigentlich ständig in eine andere Welt absorbiert. Aber weisch – Kino. Das isch doch soooo toll. Wir kaufen uns Tickets und sind anschliessend regelrecht aufgeregt. Wie kleine Kinder freuen wir uns auf den Film. Noch schnell ein paar Popcorn, eine grosse Cola und ein Eis – und schon tauchen wir in die Unterwasserwelt von Dory und Nemo ein. Zwei Stunden später tauchen wir wieder auf und sind verzaubert. We love this movie.

Für den Flug brauchen wir natürlich Fahrradboxen. Diese bekommen wir schneller und leichter als gedacht. Und zwar im Fahrradladen «Hello, Bicycle!», direkt neben der Bugis-Station. Henry ist super herzlich und schenkt uns spontan zwei geeignete Boxen mitsamt Kabelbindern und Stopfmaterial. Wahnsinn, welch gastfreundlichen Menschen wir auf unserer Reise begegnen. Wir bringen kurz unsere Räder die wir auf dem heutigen Ausflug dabei hatten zurück ins Hotel und machen uns später noch einmal auf den Weg zu Henry. Mit den beiden überdimensionalen Kartons im Gepäck lösen wir ein Ticket für die U-Bahn und fahren damit einmal quer durch die Stadt. Anschliessend nehmen wir die Kartons Kopfdipack und spazieren damit wie die Deppen während einem Kilometer entlang des Gehsteiges bis zu unserem Hotel. Also manchmal könnte man meinen, wir stehen auf die Aufmerksamkeit. Als Cynthia einen Tag später zwei überdimensional grosse Kartonkisten der DHL spazieren trägt, fällt sie zum Glück etwas weniger auf.

Was haben wir noch erlebt? Also ganz viel. Hmmm. Das meiste ist wohl erwähnt oder jedenfalls grob angeschnitten. Ach ja – da war noch was. An unserem zweitletzten Abend befolgen wir einen weiteren Tipp von Janet und spazieren abends zum Stadium. Bereits aus der Ferne hören wir die Musik, die aus der grossen und überaus beeindruckenden Halle dröhnt. Singapur feiert den Nationalday. Dieser ist zwar erst im August, aber hier ticken die Menschen etwas anders als bei uns. Heute wird nämlich Vorgefeiert. Zur Probe so quasi. Und so dürfen heute alle, die am eigentlichen Festtag zuhause bleiben müssen oder sich schlichtweg das Ticket nicht leisten können, heute schon mal feiern. Die Pédaleurs kommen pünktlich zum Feuerwerk, welches – auch probeweise – schon einmal vorgeführt wird.

Langsam aber sicher rückt der Tag unseres Abflugs näher und wir sind mehr und mehr angespannt. Einen Tag vor Abflug geht es ans Eingemachte. Wir striegeln die Räder auf Australisches Einfuhrbestimmungsniveau und packen die Kartonkisten und unser eigentliches Fluggepäck.

Dann ist es soweit. Pünktlich um Neun Uhr stehen wir mit unseren 100 Kilogramm Gepäck vor dem Hotel und warten auf den Minivan, welchen wir vor einigen Tagen online reservierten. Natürlich fährt auch um zehn nach Neun noch kein Minivan zu. Auch nicht um viertel nach Neun. Wir rufen in der Zentrale an. Wir wurden vergessen. Danggschön. Geschlagene Fünfzehn Anrufe und einhundert Minuten später fahren drei Chinesen in einem klapprigen, verrosteten Van vor. Ohne Entschuldigung, Erklärung oder sonst etwas für die unglaubliche Verspätung gucken sie uns zu, wie wir das Gepäck in dem lottrigen Gefährt verstauen. Als wir losfuhren, wurde uns klar, warum drei Chinesen für die Fahrt nötig sind. Einer fährt, einer hält die Tür zu die sich nicht mehr schliessen lässt und der dritte hält den zweiten, falls dieser die Tür nicht richtig greifen kann. So oder so ähnlich muss die Hierarchie hier sein. Aber so ganz genau wissen wir es natürlich nicht.

Am Airport angekommen schleppen wir zuerst mal alles auf die Waage. Holymoly. Wir haben unglaublich viel Übergepäck. Also, wir wussten das ja schon, aber irgendwie dämpft das den Schock dann doch nur bedingt. Es wird umdisponiert. Wir entscheiden uns nach langem Gepäcktetris, dass wir drei Kisten per Post versenden werden. Da wir mittlerweile etwas knapp an Nerven sind, packen wir drunter und drüber das Zeugs hin und her. Einfach so, dass wir möglichst wenig verschicken, aber auch kein Übergepäck berappen müssen. Da der Mitarbeiter der DHL uns zu sehr ärgert, beschliessen wir, die Päckli mit der Singapore Post zu versenden. Die Dame die hier am Schalter arbeitet ist äusserst zuvorkommend und so können wir nach einigem Wiegen, Umpacken, nochmal Wiegen und kräftig zukleben die Pakete aufgeben. Phu. Das Wäre geschafft. Ob die Päckli dann auch wirklich ankommen werden? Wir sind angespannt.

Unsere Fahrräder können wir trotz Übergrösse und leichtem Übergewicht anschliessend problemlos am Expressschalter der Qantas aufgeben. Dass der Start in den Tag mit Taxiwarten und elendslangem Umwiegen und Umpacken etwas länger dauerte als geplant, hat auch seinen Vorteil. Die Wartezeit fürs Flugzeug hat sich extrem verkürzt und so können wir nach einem Rundgang durch den Dutyfree schon bald ins Flugi einsteigen. Kaum im Flugzeug Platz genommen fühlen wir bereits das Ambiente Australiens. Wir sind begeistert. So geil. Die Mitarbeiter on board sind ausgesprochen freundlich, lustig und richtig Aussielike. Sogar die Sicherheitsvorsage ist humorvoll. Und das Essen. Ach das Essen. Fantastisch. Und die Filme. Judihui. Wir gucken The Martian und das Dschungelbuch. Zwischendurch plaudern wir etwas mit dem Sitznachbar oder gucken aus dem Fenster. Zu Beginn des Fluges fliegen wir über Indonesien. Wir sehen die verschiedenen Inseln, viele Strände, Boote und Palmen. Gegen zehn Uhr abends erreicht unser Flugi dann den Australischen Luftraum. In weiten Abständen voneinander glitzern die Lichter der seltenen Städte aus dem dunklen Nichts zu uns hoch. In der Ferne entdecken wir einen grossen, strahlenden, dunkelroten Feuerball. Es dauert eine Weile, bis uns klar wird, dass es sich um den Mond handelt. Die Sicht aus den kleinen Fenstern des Stahladlers ist so wunderschön, dass wir uns vor Begeisterung kaum halten können. Wow. Australien. Wir freeeeeuen uns.

Kurz vor Mitternacht landet unser Flugzeug pünktlich am International Airport Perth. Unsere Räder und das Bisschen Gepäck bekommen wir in kurzer Zeit ausgehändigt. Nun geht es mit dem Declarationzetteli zum Zoll. Wir sind etwas angespannt. Es gibt soooo viele Horrorgeschichten vom Australischen Zoll. Aber – wir haben Schwein. Einen ganzen Stall voll. Denn die Zollbeamten gucken uns an, gucken die Kisten an und winken uns trotz Deklarationszettel durch die Schranken ohne auch nur einen kurzen Kontrollblick zu wagen. Suuuuper. Nun geht es nach Draussen und wir frieren seit beinahe einem Jahr das erste Mal ans Nierli. Hier ist es Winter und es herrscht um diese Zeit ungefähr 10 Grad Celsius. Holymoly. Schnell ein Jäggli anziehen. Anschliessend bauen wir auf dem Flughafengelände die Räder wieder zusammen. Die alten rostigen und schmutzigen Ketten haben wir in Singapur gelassen. Die neuen Reserveketten wollen wir nun hier vor Ort einlegen. Doch unsere Glückssträhne endet so abrupt wie sie begann. Eine der Ketten hat sich irgendwo zwischen Singapur und Australien durch ein Loch in der Kiste verabschiedet. Auf Nimmerwiedersehen. So stehen wir nun mit einem fertigen und einem untretbahren Rad vor dem Flughafen. Nach einigem Hin und Her, beschliessen wir, die Räder doch nicht um Mitternacht entlang des Highways zu schieben, sondern gönnen uns ein Maxitaxi. Die zehn Kilometer Fahrt bis zu unserem Hotelzimmer kosten schlappe 40 Dollar. Welcome to Australia. Im Hotel angekommen sind wir fixfertig. War ja auch ein langer Tag. Und so kriechen wir in das Eiskalte Bett und suchen ein paar Stunden Schlaf.

Am nächsten Morgen gibt es erstmal Frühstück. OMG. Es gibt eine Pancakemaschine. Der Teig ist bereits im Gerät. Wir brauchen nur den gelben Knopf zu drücken, drei Minuten zu warten und schon pflopfen zwei Frischgebackene Teiglinge aus der Maschine. So geil. Anschliessend spazieren wir – die Räder neben uns schiebend – los und machen uns auf die Suche nach dem nächsten Fahrradladen. Dieser ist nach fünf Kilometern und einem lustigen Schwatz mit einem Australienschweizer schnell gefunden. Nun können wir die fehlende Kette einsetzen und endlich mal wieder in die Pedale treten.

Der Flug ist den Rädern im allgemeinen nicht allzu gut bekommen und so müssen wir auf den kommenden dreissig Kilometern noch einige Reperaturpausen einlegen bis wir dann am 25. Juli 2016 um 13:00 Uhr endlich bei Rahel und Geoffrey eintreffen. Erstere ist Zuhause und empfängt uns mit grosser Freude. Tanti, Onkel, Nichte und Schwiegerneffe sind nach viel zu langer Zeit endlich wieder vereint. Judihuii.

Das Gefühl hier zu sein ist komplex. Auf der einen Seite freuen wir uns riesig. Mega. Superduper. Voll henrgeil. Auf der anderen Seite ist es komisch, nun endlich das grosse Ziel erreicht zu haben. So lange haben wir geplangt und geplant und gestrampelt und nun sind wir da. Ohne Gepäck. Strange.

Die Zeit bei Rahel und Geoffrey ist superschön. Die Pédaleurs geniessen es, ein Zuhause zu haben. Oftmals sind wir einfach hier und geniessen die Terrasse. Oder die Couch. Oder die Ruhe. Die Luft ist frisch, das Umfeld ruhig. Heimatgefühle kommen auf. Wir besuchen Känguruhs, fahren zum Hafen, schlendern durch Perth City, schauen DVD, Kochen Rösti, backen Schoggichüechli, Duschen ausgiebig, Waschen unsere Wäsche und fühlen uns rundum wohl.

Sechs bis zehn Arbeitstage braucht das Päckli von Singapur nach Perth angeblich. So ist unsere Begeisterung riesig, als unser Hab und Gut bereits nach drei Arbeitstagen geliefert werden. Und erst noch vollständig. Wow. Australia – we love you.

Obwohl wir nun all unsere Sachen wieder zusammen hätten, werden wir noch nicht aufbrechen. Zu schön ist es hier bei unseren lieben Verwandten. So viel gibt es zu erzählen, zu lachen und zu plaudern. Wir bleiben noch eine Weile und geniessen die Zeit.

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