Km 32281 – Km 32563_Avignon – Leucate
- 18. Feb.
- 10 Min. Lesezeit

You can find the English version below.
Hätten wir die andere Strasse nehmen können? Ja, hätten wir. Hätten wir dann einen Umweg von sieben Kilometern machen müssen? Ja, vielleicht. Haben wir das getan? Nein. Stehen wir nun bis zu den Oberschenkeln im Wasser, während die Packtaschen neben uns schwimmen? Ja, tun sie. Könnten wir jetzt noch umkehren? Ja, möglicherweise. Doch wie sind wir überhaupt hierhergekommen?
Fangen wir beim letzten Eintrag an. Der freie Tag war richtig entspannend. Früh machten wir uns auf und genossen die Sonne beim Bummeln durch die Stadt Avignon. Wir assen gut zu Mittag – überraschend gut sogar. Uns fällt auf, dass das Essen ausserhalb der Saison hier in Frankreich hervorragend ist. Diesmal besuchten wir einen Teil der Stadt, den wir bei unseren letzten Aufenthalten verpasst hatten. Avignon hat sich gemausert: Die Innenstadt ist inzwischen fast autofrei und lädt wunderbar zum Flanieren ein.
Am nächsten Tag fuhren wir südwärts aus der Stadt. Einen grossen Teil der Strecke legten wir über Landstrassen zurück, da der Radweg fast doppelt so viele Kilometer angegeben hätte und Regen angesagt war. Wir sind ja etwas früh in der Saison, und einige Radwege sind gesperrt. Dabei lernten wir zwei neue französische Wörter: Verglas und Inondé. Verglas bedeutet vereist, Inondé überschwemmt. Dass wir beim letzten Inondé einen unnötigen Umweg von über zehn Kilometern gemacht haben, obwohl zurückschauen der Weg ganz gut beafahrbar gewesen wäre, vergessen wir natürlich nicht so schnell.
Jetzt, da es seit zwei Tagen nicht geregnet hat, beschliessen wir, die Wege trotzdem zu fahren und hoffen auf das Beste. Von der Überschwemmung der Rhône sieht man nur noch, dass die Sandbänke tatsächlich über dem Radweg lagen – unter den Rädern knuspert es. Die Inondé ist nur noch ein kleines Rinnsal, das wir leicht überqueren können. Unser Weg führt uns durch einen stillen Wald, in dem die Vögel uns den Frühling ankündigen.
Die Fahrt war angenehm, wenn auch mit starkem Seitenwind. Um die Mittagszeit erreichten wir unser Tagesziel Arles. Die Fahrräder konnten wir bereits in einem Schuppen des Hotels abstellen, und bis das Zimmer fertig war, schlenderten wir durch die Altstadt und genossen ein paar Stunden in der warmen Sonne. In einem Restaurant liessen wir uns ein sehr feines Mittagessen schmecken – sogar mit Dessert. Der angekündigte Regen blieb nur ein leichter, windiger Sprühnebel.
Die Weiterfahrt ab Arles war ebenfalls mit Regen angesagt, doch auch hier blieb es trocken. Wir folgten der D570 bis kurz vor Saintes-Maries-de-la-Mer, dann ging es westwärts weiter. Es fuhr sich gut, auch wenn wir den Mistral als leichten Gegenwind spürten. Unterwegs kauften wir am Strassenrand in einem kleinen Lädchen Salami und Hummus zum Znüni.
In der wunderschönen Camargue sahen wir Stiere, Pferde und unzählige Flamingos. Am Himmel zogen hunderte Störche in den Norden. In Le Grau-du-Roi erreichten wir endlich das Meer – ein besonderer Moment. Wir freuten uns und rollten bis zum Sand. Von dort gingen wir zu Fuss bis ans Wasser. In La Grande-Motte assen wir zu Mittag, und hier holte uns auch der Regen wieder ein. So buchten wir ein Zimmer und waren froh, dass wir in dieser nebensaisonalen Geisterstadt noch eine Unterkunft gefunden hatten.
Nach dem Bezug unseres Appartements gingen wir im Regen noch spazieren und einkaufen, bis wir völlig durchnässt waren. Pfludinass betraten wir das Appartement – erstmal Kleider trocknen.
Die ganze Nacht hatte es geregnet, doch am nächsten Morgen durften wir trocken weiterfahren. Wir rollten durch die Geisterstadt und folgten dem Radweg. Dieser war irgendwann abgesperrt und mit „Verglas“ gekennzeichnet. Das Wort kennen wir ja nun schon. Wir dachten uns: ‘Bei diesen Temperaturen wird es wohl nicht mehr gefroren sein.’ Gefroren war es tatsächlich nicht – aber überschwemmt.
Am Anfang ging es noch, doch das Wasser wurde immer tiefer. Schlussendlich fuhren wir während 2,5 Kilometern immer wieder durch schienbeintiefes Wasser, das von oben in unsere Schuhe lief. Durchnässt ging es weiter – immer in Bewegung bleiben, dann wird es schon warm. Über Palavas und Mireval führte uns der Weg nach Frontignan. Die Sonne schien schön warm, und der ganztägige Gegenwind war gar nicht so schlimm. Es gab sogar eine längere Pause im Windschatten eines Verteilerhäuschens.
Durch Sète und entlang der 15 Kilometer langen Promenade erreichten wir Cap d’Agde. Obwohl wir kurz vor dem Ende vor weiteren Überschwemmungen gewarnt wurden, waren diese weniger schlimm als erwartet. Zum Abendessen gingen wir wieder einmal auswärts – Thai. Mega fein.
Der nächste Tag war unser Hochzeitstag. Vom Hafen aus ging es nach einem feinen Frühstück zunächst nach Agde-Stadt zu den Brücken, die uns über den Hérault brachten. Da die Hauptstrasse viel Verkehr hatte, fuhren wir über Land an unzähligen Campings mit Vergnügungsparks vorbei, über die Felder nach Portiragnes und Sérignan. Kurz vor Letzterem war die Landstrasse wieder unter Wasser – aber gerade so wenig, dass unsere Füsse trocken blieben.
In Sérignan holten wir uns zwei Burger. Die so gewonnene Energie brauchten wir dann auch. Denn bei Les Cabanes de Fleury gab es einen Kanal mit einer Brücke direkt gegen den Wind. Auf der anderen Seite liessen wir uns vom Wind ins Dorf tragen. Wir freuten uns – bis wir merkten, dass es eine Sackgasse war. Also mussten wir gegen den Wind zurück bis zur Brücke. Die spätere Strassensperrung und die Warnungen der umkehrenden Autos ignorierten wir – zum Glück, denn die kommende Überflutung war nur etwa zwanzig Zentimeter tief.
In Saint-Pierre-la-Mer lag unser Apartment auf dem Hügel, ganz oben. Und die letzten Gäste waren auch noch drin. Wir warteten ein paar Minuten, dann hatten sie ausgecheckt. Zu zweit hatten wir noch einen gemütlichen Abend, kochten und schafften etwas Ordnung. In der Nacht windete und stürmte es heftig – Sturm Niels war gerade ebenfalls in der Gegend und peitschte um die Häuser.
Der nächste Tag wurde vom Gegenwind bestimmt. Komisch – gemäss unseren Einträgen von 2017 hatten wir hier auch schon Gegenwind, allerdings in die andere Richtung. Man merke sich: Der Wind muss zwischen Februar und März drehen.
Bis Gruissan folgten wir dem Radweg über die flache, baumlose Ebene bis zum Canal de la Robine und kämpften ordentlich gegen den Wind. Am Kanal wurden wir dann dafür getragen. Der Weg war stellenweise nass und unterspült, einige Bäume lagen entwurzelt am Rand. Teilweise hatten die Wurzeln den halben Weg in die Höhe gerissen. Uns war etwas mulmig zumute, umgeben von Wasser links und rechts. Der Weg am Kanal nahm gefühlt kein Ende. Da kamen uns ein paar Rentner auf E-Bikes entgegen – die hatten sich etwas vorgenommen.
In Port-la-Nouvelle folgten wir wieder kleinen Strassen, dann dem Bahngleis bis La Franqui. Das war kein offizieller Weg. Und nun sind wir wieder am Anfang dieses Textes.
Obwohl der Weg kein offizieller war, führte er gemäss Karte genau der Bahnlinie entlang bis zu unserem Ziel. Doch es kam anders: Der Schotterweg bis hier war zwar anstrengend, aber machbar. Kurz vor dem Ende standen wir vor einer Pfütze. Die nahmen wir. Dann die nächste, etwas tiefere. Die nahmen wir auch. Und dann? Die Pfützen schienen zunächst machbar, doch etwa zweihundert Meter vor uns war die Strasse nicht mehr sichtbar. Mittendrin sackte das Velo ab, und wir standen bis zum Oberschenkel im tiefschwarzen Wasser.
Umkehren war keine Option mehr – schliesslich waren wir schon nass. Die Schuhe voll Wasser, wir froren und lachten trotzdem. Den letzten Kilometer dieses Weges legten wir beinahe schwimmend zurück – pflügten uns über Sand- und Feldwege durch das immerhin warme Brackwasser.
Völlig durchnässt und etwas müffelig nahmen wir uns in Leucate ein Zimmer mit Terrasse. Und genau da hörte auch der Regen auf, der uns seit dreissig Minuten von oben nass gemacht hatte.
***
Could we have taken the other road? Yes, we could have. Would that have meant a seven-kilometre detour? Yes, perhaps. Did we do that? No. Are we now standing thigh-deep in water with our panniers floating beside us? Yes, we are. Could we still turn back? Yes, possibly. But how did we end up here in the first place?
Let's start with the last entry. The day off was really relaxing. We set off early and enjoyed the sunshine as we strolled through the city of Avignon. We had a good lunch – surprisingly good, in fact. We notice that the food here in France is excellent outside the high season. This time, we visited a part of the city that we had missed on our previous visits. Avignon has blossomed: the city centre is now almost car-free and is a wonderful place to stroll around.
The next day, we cycled south out of the city. We covered most of the distance on country roads, as the cycle path would have added almost twice as many kilometres and rain was forecast. It is still early in the season, and some cycle paths are closed. We learnt two new French words: verglas and inondé. Verglas means icy, and inondé means flooded. Of course, we won't forget in a hurry that we made an unnecessary detour of over ten kilometres during the last Inondé while the path was perfectly fine to drive.
Now that it hasn't rained for two days, we decide to take the cycle paths anyway and hope for the best. The only sign of the flooding of the Rhône is that the sandbanks actually covered the cycle path – it crunches under our wheels. The Inondé is now just a small stream that we can easily cross. Our route takes us through a quiet forest where the birds herald the arrival of spring.
The ride was pleasant, albeit with strong crosswinds. Around midday, we reached our destination for the day, Arles. We were able to store our bikes in a shed at the hotel, and while we waited for our room to be ready, we strolled through the old town and enjoyed a few hours in the warm sunshine. We had a delicious lunch in a restaurant – even with dessert. The forecast rain turned out to be nothing more than a light, windy drizzle.
The forecast for the rest of the journey from Arles was also rain, but it stayed dry here too. We followed the D570 until just before Saintes-Maries-de-la-Mer, then continued westwards. The ride was good, even though we felt the Mistral as a slight headwind. On the way, we bought salami and hummus for a snack at a small roadside shop.
In the beautiful Camargue, we saw bulls, horses and countless flamingos. Hundreds of storks were flying north in the sky. In Le Grau-du-Roi, we finally reached the sea – a special moment. We were delighted and rolled to the sand. From there, we walked to the water. We had lunch in La Grande-Motte, where the rain caught up with us again. So we booked a room and were glad to have found accommodation in this off-season ghost town.
After checking into our apartment, we went for a walk in the rain and did some shopping until we were completely soaked. We entered the apartment dripping wet – first thing was to dry our clothes.
It had rained all night, but the next morning we were able to continue our journey in dry conditions. We rolled through the ghost town and followed the cycle path. At some point, it was blocked off and marked with ‘Verglas’. We already know that word. We thought to ourselves: “With these temperatures, it probably won't be frozen anymore.” It wasn't frozen, but it was flooded.
At first it was okay, but the water got deeper and deeper. In the end, we rode through shin-deep water for 2.5 kilometres, which ran into our shoes from above. Soaked to the skin, we carried on – keep moving and you'll warm up. The route took us via Palavas and Mireval to Frontignan. The sun was shining warmly, and the headwind we had been facing all day wasn't so bad. We even took a longer break in the lee of a distribution hut.
Through Sète and along the 15-kilometre-long promenade, we reached Cap d'Agde. Although we were warned of further flooding shortly before the end, it was less severe than expected. For dinner, we went out again – Thai. Really delicious.
The next day was our wedding anniversary. After a delicious breakfast, we set off from the harbour and headed first to Agde town to cross the bridges over the Hérault. As the main road was very busy, we took the country road, passing countless campsites with amusement parks, and drove across the fields to Portiragnes and Sérignan. Shortly before the latter, the country road was flooded again – but just enough that our feet stayed dry.
In Sérignan, we got two burgers. We needed the energy we gained from them. At Les Cabanes de Fleury, there was a canal with a bridge directly against the wind. On the other side, we let the wind carry us into the village. We were delighted – until we realised it was a dead end. So we had to walk back against the wind to the bridge. We ignored the road closure and the warnings of the cars turning back – luckily, because the flooding ahead was only about twenty centimetres deep.
In Saint-Pierre-la-Mer, our apartment was located on the hill, right at the top. And the last guests were still inside. We waited a few minutes, then they had checked out. The two of us had a cosy evening, cooking and tidying up a bit. During the night, the wind blew and stormed violently – Storm Niels was also in the area at the time, lashing around the houses.
The next day was dominated by headwinds. Strange – according to our notes from 2017, we had headwinds here too, but in the opposite direction. Note: the wind must change direction between February and March.
To Gruissan, we followed the cycle path across the flat, treeless plain to the Canal de la Robine and battled hard against the wind. At the canal, we were then carried along. The path was wet and washed out in places, with some trees lying uprooted at the edge. In some places, the roots had torn up half the path. We felt a little queasy, surrounded by water on the left and right. The path along the canal seemed endless. Then we met a couple of pensioners on e-bikes – they had set themselves a challenge.
In Port-la-Nouvelle, we followed small roads again, then the railway track to La Franqui. This was not an official path. And now we are back at the beginning of this text.
Although the path was not official, according to the map it ran exactly along the railway line to our destination. But things turned out differently: the gravel path to this point was strenuous, but feasible. Shortly before the end, we came to a puddle. We took it. Then the next one, which was a little deeper. We took that one too. And then? The puddles seemed feasible at first, but about two hundred metres ahead of us, the road was no longer visible. In the middle of it, the bike sank and we were standing thigh-deep in deep black water.
Turning back was no longer an option – after all, we were already wet. Our shoes were full of water, we were freezing, but we laughed anyway. We covered the last kilometre of this route almost swimming – ploughing our way through sandy and dirt tracks through the brackish water, which was at least warm.
Completely soaked and a little smelly, we took a room with a terrace in Leucate. And that's exactly when the rain that had been pouring down on us for thirty minutes stopped.

