Sommerfahrt in den Balkan Teil III

Serbien - Albanien


Am Ende der einen Spur vor dem Grenzposten steht ein LKW mit Warnblinker. Er lässt uns vor und vorbei an einigen weiteren LKWs, die auf ihre Papiere warten. Wir fahren in der Gegenspur und blockieren diese kurz, bis wir uns hinter den davor stehenden PWs einfädeln können. Wir sind die einzigen, die eine solche Fädelei vorhaben. Alle anderen PWs, die nach uns folgen, versuchen aus der einen Spur drei zu machen, obwohl es nur ein Häuschen gibt. Gedränge pur. Die Gegenfahrbahn ist versperrt - der Zollbeamte wird wieder zum Verkehrspolizisten degradiert.

Ein Weilchen später erreichen dann auch wir das Häuschen und müssen zum ersten Mal auf dieser Reise unsere Fahrzeugpapiere vorweisen. Und dann heisst es: Welcome in Serbia.


Die ersten Kilometer in Serbien führen uns durch eine Art Skigebiet. Die Häuser sehen jedenfalls so aus - als wären sie an kalten Tagen Chalets im Schnee.

Wir brauchen noch passendes Geld, und so fahren wir in die Stadt Uzice. Von da geht es weiter in Richtung Cacak, auf der Suche nach einem passenden Übernachtungsort.


Das Thermalbad Ovcar scheint es nicht mehr wirklich zu geben, und den dazu angegebenen Camping sowieso nicht. Wie soll es heute weitergehen? Zuerst mal den Magen füllen, Zuckerpegel steigern. Das hat noch immer geholfen... An einem Gewässer finden wir ein hübsches Restaurant, mitten in einem grünen Seepflanzenteppich. Wir bestellen Poulet und lassen es uns schmecken.

Vis à vis des Restaurants steht ein gelbes RalleyAuto, welches bereits mit uns auf dem Camping Sarajevo stand. Ob die Besitzer wohl ähnlich auf Platzsuche sind? Wir treffen sie jedenfalls nicht mehr an...

Noch ist es früh am Nachmittag und so entscheiden wir uns, weiterzufahren. Auch hätten wir die Möglichkeit, bei einem Bekannten zu übernachten - doch der ist nicht da. Hat uns jedoch angeboten, dass wir seinen Garten als Stellplatz nutzen dürften, falls wir in der Nähe sind. Doch eben, es ist noch früh und so entscheiden wir uns für die Weiterfahrt.

Einmal einen Bogen nach rechts und dann immer in Richtung Süden.

Es erwartet uns eine richtige Bergfahrt hoch und runter durch den serbischen Westen. Wieder sehen wir verlassene, aber auch neue Häuser. Wenige, aber freundliche Einwohner. Es wird gewunken, gelacht und zum Gruss die Hand gehoben. Viele der Feldarbeiter scheinen Feierabend zu machen. Auf Traktoren oder zu Fuss sind sie schwer beladen auf der Strasse unterwegs - voraussichtlich nach Hause, um die Beine hochzulegen. Sie sehen ziemlich geschafft aus und hätten sie nicht nur einen, sondern viele schwere Arbeitstage hinter sich.

Es geht weiter Hügeli uf, Hügeli ab ohne klares Ziel für uns. Zwar ist ein Camping auf der Karte vermerkt - aber da haben wir ja heute schon so unsere Erfahrungen damit gemacht...

Die Sonne verschwindet nun endgültig am Horizont und so suchen wir auf dem Weg zum unbekannten Camping ein paar Feldwege heraus, auf denen wir Wild stehen könnten. Da wir aber schon so weit gefahren sind, wollen wir die nächsten vier, fünf Kilometer auch noch zurücklegen, um wenigstens herauszufinden, ob ein Camping existieren würde und wie der denn so aussähe in Serbien.

Und tatsächlich - am Ende von Nirgendwo - sehen wir etwa dreissig kleine Kiesplätzchen an einem Hang. Beim einzigen Haus mit Licht geht Mike nachfragen. Die Besitzer gehören nicht zum Camping, aber sie kennen den, der den Camping führt und rufen ihn an.

Wenige Minuten später lernen wir Philipp kennen und unser blaues Mobil steht auf einem grossartigen Platz mit hervorragender Aussicht auf den See im Tal.

Philipp lädt uns zwei noch auf ein Gläschen selbstgebrannten Rakka ein und erzählt ein bisschen von sich. Auch dürfen wir ins Haus seiner Grossmutter schauen. Ursprünglich waren dies drei. Ein Haus zum Schlafen, eines für die Tiere und das dritte als Vorratskammer und Küche.

Philipp kämpft aktuell gegen den serbischen Tourismusverband an und versucht, Camping zu etablieren in dieser Region. Es halten ihn aber alle ein bisschen für gaga - denn wer will schon im Jahr 2022 freiwillig in einem Zelt schlafen. Ausserdem ist er ja auch erst seit fünf Generationen auf diesem Berg - welcher übrigens nach seinem Ur-Ur-Undsoweiter Grossvater benannt ist. Das macht ihn natürlich etwas zum Neuling. Wär kennts nöd. Wir kaufen Philipp noch eine Flasche Hochprozentiges ab und gehen danach zu Bett.


In der Nacht regnet es. Wir erwachen mit einem schönen Ausblick auf den See. Die Abfahrt zum See mit sehr tiefem Wasserstand dauert nur wenige, aber sehr holprige Kilometer, da die Strasse eigentlich nur noch aus Flicken zu bestehen scheint.

Nach einem üppigen Tannenwald, der ein Skigebiet umgibt - übrigens kaum vorzustellen, dass hier jemals Schnee liegt - folgt ein baumarmes, sehr breites und langes Tal mit Grasssteppen. Hier gibt es Pferde, Schafe mit deren Hirten und weiten Blick auf zahlreiche Moscheen. Wir sehen kaum Menschen.

Schlagartig scheinen wir dann aber auf alle Bewohner zu treffen, als wir in Tutin einfahren. Ein riesen Tohuwabohu herrscht in dieser Stadt. Kaum zu glauben. Der Verkehr ist brutal, unübersichtlich und chaotisch. Aber - spannend. Von Schafen in Mercedes Sprintern gepfercht, über den Melonenmarkt auf der Hauptstrasse, bis hin zu all den geparkten Autos in zweiter und dritter Reihe, welche von beiden Fahrspuren in beiden Fahrtrichtungen im Slalom umfahren werden müssen.

Nach dem Ende der Stadtgrenze ist es schlagartig wieder ruhig. Die einzigen, die uns entgegenkommen sind die Fahrschüler.

Kurz darauf erreichen wir die Grenze nach Montenegro.


Nach kurzer Wartezeit und dem Bangen ob auch wir zu den Unglücklichen gehören, die rausgenommen werden, werden wir ins Land gewunken. Es ist wohl zu aufwändig unser Auto zu filzen...


Der Verkehr wird noch auf dem Platz des Übergangs aggressiver, endlich wird gehupt und gedrängt. Wir sind die Einzigen, die an der roten Ampel vor der Baustelle anhalten und warten, jeder passiert uns und hupt uns an. Nach drei Minuten wird es uns zu blöde und wir ignorieren die Ampel, man solls sich ja den örtlichen Gepflogenheiten anpassen... Und so fahren wir hinter den Einheimischen. Manchmal wird bei rot an der Ampel gewartet, manchmal nicht. Manchmal wird bei grün gefahren, manchmal nicht. wir machen einfach alles nach und merken schnell - die fahren hier nicht das erste Mal durch. Es geht immer perfekt auf, der Gegenverkehr ist auf unseren Rhythmus angepasst und so können wir die schmalen Strassen - es fehlt nämlich teilweise ein Stück weil gerade gebaut wird, oder die Abhänge oberhalb abgerutscht sind - sicher passieren.

Unsere Tour führt uns zum See "Plavsko Jezere", an dem wir unser Mittagessen geniessen und mit einem streunenden Hund teilen. Wir befinden uns an einem Zwischenstopp des Balkan Trails und so sind hier einige Dreadlockige Touristen, die einander die Welt erklären. Nach nun wenigen Stunden in Montenegro verlassen wir das schöne Land schon wieder. Wir kennen es ja etwas von unserer längeren Reise und so sind wir froh, dass wir nicht nur einen Tag hier verbracht haben.



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