Km ۸۵۰۸ – Km ۸۸۴۴_Isfahan - Yasuj


Phuu. Das waren vielleicht drei Tage. Wir haben schon wieder so viel erlebt. Eins vorweg: der Iran gefällt uns schon viel, viel besser!

Früh am Morgen packen wir unsere sieben Sachen zusammen und verlassen nach einem Zmorgen das Hostel, in dem wir geschlagene elf Nächte verbracht haben. Die Ausfahrt von Isfahan geht uns an die Lungen. Phuu. Nicht dass der Anstieg nicht genug gewesen wäre, nein, es hat auch noch so viel Abgase in der Luft, dass es einem wirklich fast die Lunge zum Bersten bringt. Der Tag an sich verläuft relativ unspektakulär. Die Fahrt ist geschmeidig und die Bohnen mit Reis in einem Restaurant in Zibashahr schmecken fantastisch. Dort treffen wir auch zufällig den ehemaligen Besitzer des Amir Kabir Hostels, aus dem wir heute Morgen ausgecheckt sind. Klein ist die Welt.

Am Strassenrand kriegen wir noch eine Packung Dattelgebäck geschenkt. Wir freuen uns und fragen uns einmal mehr, für wen denn ursprünglich die Packung gekauft wurde. Welcher Gastgeber bekommt heute kein Präsent oder wer bekommt kein Geburtstagsgeschenk? Das Gebäck schmeckt fabelhaft. Ach, wenn die Iraner wüssten, wie gut das Ganze noch mit einem Speckmantel schmecken würde…

Einmal müffelt es uns gewaltig von der Seite an. Wir ahnen böses. Und tatsächlich. Es ist ein Friedhof. Gräber tiefer buddeln bitte.

Als die Sonne langsam gegen den Horizont schleicht, finden wir nach Morbakareh einen Platz für unser Zelt. Unser Schlafplatz ist hinter einer kleinen Anhöhe, geschützt vor dem Strassenlärm und vor neugierigen Blicken. Trotzdem dutzende von Mopedfahrer an uns vorbeifahren, bemerkt uns offenbar niemand. In der Nacht hören wir aus der Ferne den Azan. Im Moment befindet sich das Land im Trauermonat Muharram, an dessen zehnten Tag das Ashura Fest stattfinden wird. Die Strassen sind bereits heute geschmückt mit schwarzen Fahnen, grünen Schriftzügen und die meisten Menschen sind ganz in schwarz gekleidet. Auch der Azan unterscheidet sich stark von den üblichen Klängen. Während der nächsten Tage wird das Gebet mit kräftigen Trommeln und ziemlich viel Rhythmus unterstützt. Sehr ergreifend.

Die Nacht ist kühl. Wir erwachen früh und müssen das erste Mal seit einer gefühlten Ewigkeit unsere Winterjacken hervorkramen. Zum Glück geht es heute Morgen steil bergauf, so kommen wir schnell ins Schwitzen und die Jacken dürfen sich in den Packtaschen ausruhen. Das Mittagessen gönnen wir uns heute in Borujen. In dieser Stadt wollen wir auch noch kurz einkaufen. Kurz ist gut. Bis man hier Wasser, Cola, Snacks und Früchte zusammen hat, muss man mindestens acht Läden abklappern. Beim Fruchtstand starten wir. Als Cynthia mit den ergatterten Granatäpfeln zurückkehrt, hat sich um Mike bereits eine grosse Männertraube gesammelt. Als dann die Früchte in den Packtaschen verstaut sind, sind es mindestens zwanzig neugierige Männer rund um die Räder. Wir suchen uns unseren Weg und schlängeln durch die Männermasse. Zum Abschied bekommen wir noch zwei Bananen geschenkt. Die Fahrt geht weiter zu den Snacks. Cynthia geht wieder einkaufen und Mike belustigt die Stadtbevölkerung. Wieder an die sechs Mann – darunter zwei Polizisten - inspizieren die Räder. Nach Laden Nummer drei sind dann alle Snacks so gut wie beisammen. In Laden Nummer fünf finden wir sogar noch Cola und fahren so beschwingt weiter auf unserer Strasse 55.

Kurz vor dem Verlassen der Stadt müssen wir noch einen Kreisel überqueren. Und dann passiert es. Ein Auto bremst abrupt mitten drin und Mike kommt nicht mehr rechtzeitig dazu, die Bremsen zu ziehen. Ganz gemächlich donnert er in die Rückseite des Wagens. Ihm geht’s gut, ausser einem kleinen Schreck ist ihm nichts passiert. Aber seine Packtasche. Ohje. Die ganze Halterung ist abgebrochen und die Tasche baumelt so friedlich vor sich hin. Mit Schletzgummi und ein paar Beherzten Zusprüchen der zur Stelle gerannten Passanten, ist das Gepäck wieder sicher und relativ fix montiert. Wir werden bei nächster Gelegenheit eine Werkstatt aufsuchen und das Ding ganz im Sinne von Mac Wyssen (Wortspiel aus Mac Gyver und Mike Wyss) reparieren lassen.

Einige Kilometer später stehen wir für eine fröhliche Frauengruppe Selfiemodell. Die Frauen freuen sich so, dass sie Cynthia vor lauter Glück auf den Rücken schlagen. Oops. Fast einen Wirbel verrenkt. Aber nur fast.

Der Gardan Halwai Pass, der auf der Karte mit bedrohlichen 2‘750 Höhenmeter markiert ist, entpuppt sich als Angeber. Denn die richtige Höhe ist 2‘350 Meter. Aber wer kann denn schon böse sein bei diesem kleinen Geflunker. Wir jedenfalls nicht.

Wieder ein Stück weiter kriegen wir noch ein paar Granatäpfel geschenkt und gegen Abend suchen wir uns unser Schlafplätzchen. Wir finden an einer Baustelle ein lauschiges Plätzchen hinter einem Hügel. Bewacht von der Schafherde mit ihren Hunden und dem Hirten verbringen wir eine kuschelige Nacht. Ah nein, stimmt ja gar nicht. Es war ja gar nicht so kuschelig. Nein, es war mega kalt. So kalt, dass sogar das Wasser am Morgen gefroren ist. Brrrr.

Heute begegnen wir vielen Schafherden, wir passieren tiefe Schluchten, steile Anstiege und rasante Abfahrten. Die Landschaft hier ist wunderschön. Aus den kargen Felsen und sandigen Dünen lugen immer wieder grüne Flächen und es sind vereinzelte Dörfer am Weg gelegen. Die Autofahrer freuen sich wie immer. Sie hupen, winken und fragen uns aus. Bei einer Abfahrt – der ersten seit langem – bremst uns ein Auto ausgerechnet am untersten Punkt – also da wo es dann wieder hoch gehen würde und man den Schwung aus der Abfahrt noch recht gut gebrauchen könnte – aus. Was er genau wollte ist nicht ganz klar. Also Tee und Kaffee hat er angeboten. Aber als wir dann endlich zum Stillstand kamen, da ist er mit Vollgas davongedüst. Jäno.

Der Morgen war richtig anstrengend. Seit Tagen schwappen wir immer wieder zwischen 1‘700 und 2‘350 Höhenmeter. Rauf und runter. Und so haben wir erst knappe dreiunddreissig Kilometer abgestrampelt, als wir zum Mittagessen in der Nähe von Vanak einkehren. Die Dorfbewohner sind aufgeregt. Eine Frau, eine Frau. Kommt alle her. Da sind Touristen. Rund um das Restaurant blitzen immer wieder Köpfe der Schaulustigen auf und nach dem Essen finden ein paar den Mut um uns auszufragen. Mega herzig. Die Männer sind auch hier ganz in schwarz gekleidet und einer hat die Aufgabe, allen vorbeifahrenden Autos mit Hilfe eines Pinsel den Spruch des Monats – der gleiche, der auf den Fahnen und Plakaten zu finden ist – aufzumalen.

Auf eine langanhaltenden, sanften Steigung auf der wir andauernd angesprochen werden – hier hat es wohl kaum Touristen, denn auch die Strassenschilder sind nur noch in Persisch beschriftet – folgt eine rasante Abfahrt. Cynthia erreicht eine Höchstgeschwindigkeit von 70 Km/h und wird von Mike mit seinen 88,9 Km/h ziemlich in den Schatten gestellt. Etwas schnell war das wohl schon. Chund nömme vor. Versproche.

Wir sind ziemlich müde und froh, als wir einen Schlafplatz an einer weiteren Baustelle erblicken. Schön hier. Wir kommen sogar dazu, uns etwas zu waschen. Nicht ganz leicht hier im Iran. Besonders als Frau. Aber nackige Männer sind auch nicht gern gesehen. Als Gutenachtsnack kocht Mike Bohnen mit Reis und wider Erwarten ist es heute nicht mehr so kalt. Die warme Unterwäsche, die wir uns herausgesucht haben, wäre nicht nötig gewesen. Macht aber nichts. So war es kuschelig warm und wir verbrachten eine sehr erholsame Nacht.

Wir starten den Tag mit einer phänomenalen Abfahrt durch die wunderschöne Landschaft des Iran. Vorbei an Wäldern, alten Dörfern, blauen Flüssen und immer im Hintergrund die enormen Berge, welche bis in den Himmel ragen. Haha- wohin denn sonst..

Nach dieser Abfahrt geht’s hoch. Und hoch. Und hoch. Der Anstieg ist sanft uns so können wir die ganze Zeit über pedalieren. Unterwegs kriegen wir ein paar Äpfel geschenkt. Über zehn Tunnels passieren wir heute. Die meisten haben kein Licht. Also so wirklich keins. Auch kein Notlicht. Die Autofahrer finden das gut und lassen auch ihr Licht weg. Richtige Schwarzfahrer sind das. Läck, es ist schon verrückt. So mitten in einem Tunnel, stockfinster daher zufahren. Aber alles geht gut. Und man muss schon sagen – die Fahrzeuglenker achten wirklich gut auf uns. Die Gefahren des Iranischen Verkehrs haben wir nicht so stark wahrgenommen, wie dies in vielen Blogs geschildert wird. Auch die Strassen sind in einem hervorragenden Zustand und so rollt es sich sehr gut.

Während zwei Tunnels gönnen wir uns eine Pause. Eine herzige Familie kommt daher gefahren. Papa, Mama und die beiden Töchter bestaunen unsere Räder, wiegen das Gepäck, bewundern die Karte und das GPS und machen danach einige Fotos von uns. Die Begegnung ist so schön und hätte noch viel länger dauern dürfen. Eine tolle Bekanntschaft. Zum Abschied bekommen wir noch leckeres Nougat aus Isfahan. Eine ganze Schachtel. Juhuii.

Einige Hügel später gönnen wir uns einen Granatapfel-Apfel Salat. Sehr zu empfehlen. Einen kleinen Schuss Zitronensaft und Honig dazu, und es schmeckt köstlich. Wir haben es genossen. Unter der Beobachtung von vier Männern in ihrem Auto und zwei Dahergefahrenen verdrücken wir unsere Köstlichkeit und machen uns auf den weiteren Weg.

Nach rund 45 Kilometern erreichen wir Pataveh. Hier gibt es Burger. Dass die komischen Touristen gleich vier Colas bestellen macht schnell die Runde in dem kleinen Ort. Die Aufmerksamkeit verlieren wir aber jäh, als ein junger Mann, verfolgt von einem Polizisten und zwei Soldaten entlang der Strasse rennt. Eine richtige Verfolgungsjagt beginnt. Der Mann hetzt runter in ein Feld und die Wachmänner scheinen ihn schnell geschnappt zu haben. Wir wagen nicht, zu fest zu gucken. Und es wäre auch nicht gegangen. Denn direkt hinter dem zweiten Soldaten folgt die ganze Meute Schaulustiger Strassenverkäufer – fünfzig waren es im Minimum –um die Szene mitzuerleben. Wenige Augenblicke später fährt das Polizeiauto inklusive Gefangenem rasant weg. Armer Kerl. Was ihm wohl blüht?

Dass wir es heute nicht nach Yasuj schaffen, sollte uns eigentlich klar sein. Aber wir sind solche Dickköpfe, dass wir es einfach noch schaffen wollen. Und so treten wir kräftig in die Pedale. Immer einige Meter hoch, einige wieder runter der Strasse entlang. Zwei Jungs schenken uns einen Pfirsichsaft. Ach, da kommt uns in den Sinn: gestern gab’s auch noch Traubensaft geschenkt. Wahnsinn, diese Gastfreundschaft. Auf jeden Fall sind nun gestärkt und fahren eine Raststätte an. Pipipause. Ein älteres Paar bewacht das Notdurfthäuschen und hat eine grosse Freude an uns. Zusammen mit zwei Jungs und einem Autofahrer werden wir ausgefragt. Es wird Tee und Essen angeboten. Aber wir sind ja schon satt von Burger, Cola und Pfirsichsaft und lehnen so dankbar ab. Der Autofahrer gibt uns noch seine Nummer. Just in Case. Von diesen Nummern haben wir übrigens auch schon eine A4-Seite voll. So lustig.

Weiter geht die Fahrt hoch und runter. Schon nach kurzer Zeit entdecken wir wieder einmal Plastikblumen am Strassenrand. Wir sammeln diese seit der Türkei. Schon einen richtig grossen Strauss können wir binden. Als wir so am Auflesen sind, kommt ein Glacewagen daher gefahren. Judihui. Der Mann steigt aus und bringt uns zwei Eis. Typisch Iranischer Geschmack: Karotte und Safran. Gemischt. Schmeckt anders. Aber gut.

Wir haben noch dreissig Kilometer bis Yasuj. Die Sonne geht in zwei Stunden unter. Wir geben Gas. Immer wieder geht es hoch und runter. Heute haben wir über 1‘300 Höhenmeter in 100 Kilometern zurückgelegt. Fünfzehn Minuten vor Sonnenuntergang erreichen wir Yasuj, wo ein Hotel zu finden ist. Gemäss unseren Angaben liegt es etwas ausserhalb der Stadt. Da, wir können es von weitem sehen. Es ist auf einem Hügel gebaut. Ach Mensch. Tja. Da bleibt wohl nichts. Ein netter Herr fährt uns vor, damit wir auch ja nicht die Abzweigung verpassen. Nach einem Actiongeladenen U-Turn auf der stark befahrenden Strasse können wir die letzte Steigung nehmen. Wir entscheiden uns dafür, diese paar Meter zu schieben. Ein junger Mann hält neben uns an, springt aus dem Auto und schiebt Cynthias Rad bis zum Hotel. Hero.

Im Zimmer angekommen geniessen wir ein paar Snacks, duschen nach vier Tagen – der Schaum ist schwarz – und waschen unsere Wäsche. Auf dem Balkon sitzend lauschen wir den Festlichkeiten der selbst ernannten Capital of Nature. Trommeln, Gesang und tosender Applaus schallen seit Stunden zu uns hoch. Ein fantastischer Tag voller Gastfreundschaft, wunderschöner Landschaft, berührenden Begegnungen und einiges an Ehrgeiz geht zu Ende.

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